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#Digisophie: Der Ich-Sender

25.10.2018 ·  Obwohl das Genom 99% aller Menschen identischist, ist jeder von uns ein Unikat. Und genau diese Einzigartigkeit stellen viele zur Schau. Sie inszenieren und präsentieren sich im Social Web als sogenannte Ich-Sender: cool, attraktiv, erfolgreich. Doch dabei kommt einiges unter die Räder. Ingo Radermacher nimmt sich in seiner neuen Kolumne diese Spezies einmal vor …

Ingo Radermacher ist Entscheidungsphilosoph® und Klardenker. Als Informatiker und Unternehmensberater steht er für Klarheit im Denken. Zudem regt er als Autor und Keynote Speaker zum Selbstdenken an. Er zeigt, dass sich Probleme auch logisch lösen lassen. Als Familienvater sieht er sich außerdem in der Verantwortung, die Veränderungen unserer Gesellschaft zu reflektieren und auf deren Zukunft meinungsbildend Einfluss zu nehmen. » http://www.ingoradermacher.de

Das Genom aller Menschen ist zu rund 99 Prozent identisch, und doch: Jeder Mensch ist ein Unikat – einzigartig, unvergleichlich, keinesfalls »Standard«, sondern jeweils »Einzelstück«. Und eben diese Unterschiedlichkeit können wir – dem Digitalen sei Dank, möchte mancher ergänzen – inzwischen geeignet zur Schau stellen. Das eigene Leben, die Privatsphäre, in zuweilen geradezu rauschhafter Freigebigkeit im Social-Web öffentlich zu inszenieren und präsentieren – diese digitale Zurschaustellung sogenannter »Ich-Sender« ist die Verkörperung eines Zerrbildes des Realen mit einem einzigen Anliegen: überhöhter Attraktivitätsfaktor. So ist das Wetter im Social-Web immer schön – und ist es mal schlecht, sieht es dennoch gut aus. Auch sind die einstudierten Spontan-Videos aus dem Auto stets inspirierend – und wenn nicht, dann zumindest erheiternd und »gut drauf«. Und die Deutsche Bahn begeistert mit produktiver Arbeitsatmosphäre – oder ist zumindest pünktlich. Der Wahrheitsgehalt beziehungsweise Realitätsbezug: überschaubar. Und so wunderte es mich nicht wirklich, als ich mir kürzlich auf einer Konferenz das digitale Profil meines Tischnachbarn ansah und – hätte ich es nicht gewusst: Ich hätte ihn nicht erkannt.

Nun gehöre ich als Keynote-Speaker selbst einer Berufsgruppe an, die dafür bekannt ist, mit aufmerksamkeitsheischendem Ich-Marketing nicht zu sparen. Ein Blick auf die Social-Media-Profile mancher TOP-Speaker belegt dies schnell, und der Geschäftsführer einer renommierten Speaker-Agentur formulierte es in einem Vortrag so: »Sie müssen schon eine Liebe zur Selbstdarstellung entwickeln, wenn Sie Keynote-Speaker sein wollen«. – Liebe, ein starkes Wort. Und doch beschleicht mich der Eindruck beim Blick auf die Instagram-Posts des Tages: Sie sind allesamt stumme Zeugen einer Show-Selbstliebe, durch jedes »Gefällt mir« angeheizt.
Die #StatusOfMind Studie 2017 ergab: Instagram ist das »ungesündeste soziale Netzwerk«; es beeinträchtigt das Wohlergehen und die Psyche der Nutzer am meisten. Rund 70 Prozent der Befragten fühlten sich angesichts der aufpolierten Posen und geschönten Fotos in ihrer eigenen Haut – ihrem Körper – unwohl. So steigt Frustration und Neidgefühle brechen sich – wie auch bei anderen sozialen Netzwerken – ihre Bahn. Doch: Was nun? Heißt das, wir sollten diese Medien ablehnen, gar bekämpfen – verteufeln?


Weit gefehlt. Es geht vielmehr um eine zutreffende gedankliche Einordnung. Social-Media-Plattformen und die dortige Nabelschau medial-affiner Ich-Sender sind eher eine digitale Dauerwerbesendung, als dass sie Einblick in die Realwelt und Wirklichkeit des Einzelnen gäben. Diesen trivial-ästhetisch genormten – an Bildern oder Videos visuell überbordenden und an Hashtags kaum zu überbietenden – Beiträgen sollte daher mit derselben Aufmerksamkeit begegnet werden wie einem klassischen Versicherungs-Werbespot von Herrn Kaiser: Keiner!


Es gibt Alternativen zur digitalen Dauerwerbesendung! Digitale Angebote, von denen sich wirklich profitieren lässt: kluge – und durchaus auch unterhaltsame – Beiträge zum Diskurs über das politische, gesellschaftliche, kulturelle Leben. Ihnen Aufmerksamkeit zu schenken, in diese Diskurse vielleicht gar meinungsbildend einzugreifen – das ist die eigentliche Basis einer tatsächlichen, originären »Auflagengröße eins«. Entscheidend ist die Hinwendung zum Realen, statt der  zum »schönen Schein«; dann bietet das Digitale tatsächlich eine nie zuvor dagewesene Möglichkeit: Auch Einzelne können mit gelungenen Ideen im medialen Dickicht Gehör finden – und das ist dann tatsächlich einzigartig.

 

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