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#Digisophie: Digitales Lernen - oder man kann es nicht mehr begreifen

Ingo Radermacher

18.10.2018 ·  Alles spricht vom digitalen Lernen. Auf den individuellen Lerntypus zugeschnitten, personalisiert und modularisiert ist das neue Lernen. Einer neuen Generation Mensch mit Schaffenskraft, Ideenreichtum und schier unendlicher Kreativität steht nichts mehr im Wege. Oder doch?

Ingo Radermacher

Ingo Radermacher ist Entscheidungsphilosoph® und Klardenker. Als Informatiker und Unternehmensberater steht er für Klarheit im Denken. Zudem regt er als Autor und Keynote Speaker zum Selbstdenken an. Er zeigt, dass sich Probleme auch logisch lösen lassen. Als Familienvater sieht er sich außerdem in der Verantwortung, die Veränderungen unserer Gesellschaft zu reflektieren und auf deren Zukunft meinungsbildend Einfluss zu nehmen.  » http://www.ingoradermacher.de

Kommt ein Kind auf die Welt, kann es hören, ein wenig riechen, kaum sehen; stark ausgeprägt ist hingegen sein Tastsinn. In den ersten Lebensmonaten und -jahren erkundet es damit unaufhörlich die Welt. Die meisten Tastsinn-Zellen befinden sich in Lippen und Zunge, Fingerspitzen und Fußsohlen – deshalb stecken Kleinkinder sich erst einmal alles in den Mund: be-greifen und er-fassen die Dinge ganz buchstäblich.

Auch im weiteren Leben bleibt dieses größte Sinnesorgan des Menschen grundlegend wichtig. Der Mensch, homo sapiens, könnte auch »homo hapticus« genannt werden, derart elementar ist der Tastsinn für unser Erleben: Wir können uns die Ohren, Nase oder Augen zuhalten; der Tastsinn indes ist stets »on« – auch nachts beispielsweise. Unentwegt erspüren wir unsere Umgebung: physikalische Beschaffenheit, Rauheit oder Glätte, Härte oder Weichheit, Druck oder Zug, Vibration oder Ruhe, Wärme oder Kälte. Und, ganz wichtig: Wir spüren dabei stets auch uns selbst; für die eigene Körperwahrnehmung ist der Tastsinn fundamental. Er ist ein sogenannter Basissinn – Grundlage für die Verarbeitung aller anderen Sinneseindrücke, und maßgeblich für Entwicklungs- und Lernprozesse. Tastempfindungen, andere Sinneswahrnehmungen und kognitive Leistungen sind – und bleiben lebenslang – aufs Engste verwoben; entscheidend für Entwicklung und Lernen ist ihr Zusammenspiel. Schulische Bildungsprozesse beispielsweise verlaufen dann optimal, wenn sie das berücksichtigen: Wenn sie Schülerinnen und Schüler »mit allen Sinnen« ansprechen.

Was bedeutet das für den hochprominenten Themenbereich »digitalen Lernens«? Zunächst einmal ist festzustellen: Der bundesdeutsche Fokus in Berichterstattung und bildungspolitischer Forderung, beispielsweise der »Schulpakt Digital«, richtet sich – irreführend und in die Irre gehend – auf lediglich eines, und zwar: die technische Ausstattung. »Whiteboards statt Kreidetafeln in jedes Klassenzimmer!«, »Computer oder Tablet für jeden Schüler!« – Wenn es einzig um die Investition in die bloße Ausstattung von Schulen und Schülern mit Medientechnik geht, hat das mit Lernen, auch mit digitalem Lernen, erst einmal wenig bis nichts zu tun – und geht zu Lasten all dessen, was heute für einen guten Unterricht als eigentlich wesentlich gilt bzw. gelten sollte.

Gute Schule, guten Unterricht, kennzeichnet vor allem: Methodenvielfalt und Gestaltungsbreite. Ingredienzien, beispielsweise: das soziale Miteinander, die Kommunikation, das kritische oder konstruktive Gespräch, die Reflexion. Und unabdingbar ist, wie jeder Pädagoge heute weiß: Lernen mit allen Sinnen. Nun ist zwar auch das Wischen über ein Smartphone oder ein Tablet eine sinnliche – haptische – Erfahrung: Die Klage mancher Frau, ihr Mann sei zu seinem iPhone zärtlicher als zu ihr, entbehrt nicht unbedingt jeden Realitätsbezugs. Wenn es allerdings ernsthaft um die Gestaltung optimaler Lernbedingungen für unsere Kinder und Jugendlichen geht, stellt sich die Forderung nach der unentbehrlichen Gestaltungsbreite und Methodenvielfalt dringlich: Erleben mit allen Sinnen, gerade auch haptisch »grundiertes«, begreifendes Erleben – etwa als konkreter Umgang mit den unterschiedlichsten Materialien und Gegebenheiten – ist etwas gänzlich anderes als die gleichförmige Erfahrung des Streichens über eine Tablet-Glasscheibe.
Zur notwendigen Gestaltungsbreite gehört weiter, gerade auch das Thema »Digitalisierung« vielfältig anzugehen: Das mathematische und das informatische Denken wollen gelehrt und gelernt werden! Denn dies – und nicht etwa die exorbitante Investition in flächendeckende Tablet-Versorgung – versetzt unseren Nachwuchs in die Lage, sich auch morgen in Gesellschaft und Welt zurechtzufinden und aktiv an ihr teilzuhaben: Sie zu begreifen und zu gestalten.

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