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#Digisophie: Digitalisierung made in Germany … Black forrest

Ingo Radermacher

22.11.2018 ·  »Made in Germany«: Ursprünglich war es ein Warnzeichen – 1887 von der britischen Regierung eingeführt zur Kenntlichmachung deutscher Importwaren. Die Aufschrift »Made in Germany« stand für: »minderwertiges Billig-Plagiat«; Produkte aus Deutschland mussten diese Markierung tragen; das sollte den englischen Markt und Verbraucher davor schützen, sie mit den hochwertigen Erzeugnissen der seinerzeit führenden Industrienation Großbritannien zu verwechseln.

Ingo Radermacher

Ingo Radermacher ist Entscheidungsphilosoph® und Klardenker. Als Informatiker und Unternehmensberater steht er für Klarheit im Denken. Zudem regt er als Autor und Keynote Speaker zum Selbstdenken an. Er zeigt, dass sich Probleme auch logisch lösen lassen. Als Familienvater sieht er sich außerdem in der Verantwortung, die Veränderungen unserer Gesellschaft zu reflektieren und auf deren Zukunft meinungsbildend Einfluss zu nehmen. » http://www.ingoradermacher.de

Die Dinge haben sich geändert, das wissen wir. Deutschland machte seine Hausaufgaben – ging in die Qualitätsoffensive –, und im 20. Jahrhundert gehörte es zu den führenden Industrienationen der Welt. »Made in Germany« war nicht mehr die Pflichtangabe für »minderwertige Billig-Plagiate«, sondern begehrtes Qualitätssiegel – weltweit wahrgenommen als Garant für: hervorragende Qualität, hochwertigste Verarbeitung, Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Innovation, Nachhaltigkeit. Seine Spitzenposition als führende Wirtschaftsmacht verdankte Deutschland seiner Ingenieurskunst, seinem Maschinenbau und seiner Präzisionstechnik; als Symbole, geradezu als Ikonen galten weltweit Exportschlager wie der endlos verlässlich laufende VW-Käfer oder die Kuckucksuhr aus dem Schwarzwald – das Sinnbild schlechthin für die typisch deutsche Verbindung von Originalität und Ursprünglichkeit mit Entwicklungs-, Präzisions- und Wertarbeit. Überhaupt galt – und gilt – der »Black forrest« im Ausland nicht selten gleichsam als Synonym für Deutschland.


Der »Black forrest« – Baden-Württembergs Schwarzwald. Hier verbanden sich im 20.  Jahrhundert auf das Erfolgreichste: Moderne mit Tradition, Innovation mit Bodenständigkeit. Die Region steht zum Einen für weltweit geläufige, etwa touristische Klischees – Schwarzwaldhäuschen und Bollenhut-Tracht, Schwarzwälder Schinken und Schwarzwälder Kirsch, Feldberg und Titisee. Und sie steht andererseits gleichzeitig für international erfolgreiche Erfindungen und Exportschlager, von besagter Kuckucksuhr bis zum bekannten S-Dübel und zum Fischer-Baukasten für Kinder – beides Produkte der Fischer-Werke, gegründet vom Tüftler und Erfinder Artur Fischer. Aus einer kleinen Werkstatt für fototechnische Geräte im Nordschwarzwald und dank rund 1000 Patenten – damit gehört er zur Erfinder-Weltspitze – schuf er ein global tätiges Unternehmen.

Heute indes, im 21. Jahrhundert, sieht die Sache wieder anders aus. »Made in Germany« oder auch »Made in Black forrest« – die Karriere dieser Ursprungsangaben scheint im Abwärtstrend befindlich: Es seien nicht mehr länger Qualitätssiegel, sondern Auslaufmodelle, heißt es. In Bezug auf die Digitalisierung sei Deutschland ein Entwicklungsland; als typische Region für entsprechende Rückständigkeit gilt etwa der Schwarzwald: Von mangelhafter digitaler Infrastruktur, Internet-Einöden und »analogem Amtsschimmel« ist die Rede. Es geht nicht mehr um Exportschlager, um Vorreitertum und Spitzenpositionen; sondern um: Aufhol- und Förderbedarf – so etwa beim regionalen Projekt »Digital Black Forrest«.

Mich erinnert das an eine Entwicklung, die ich aus Schulzeiten kenne: Jahrelang hat man Bestnoten und erliegt schließlich selbstzufrieden der Versuchung, sich darauf auszuruhen. Dann – zunächst fast unbemerkt – kassiert man statt der gewohnten Eins mal eine Zwei – und landet irgendwann, ehe man sich versieht, auf einer Drei. Eine gegenläufige Entwicklung nahmen währenddessen andere Schüler, die eigentlich als »abgehängt« galten: Sie haben begonnen, ihre Hausaufgaben zu machen, und sich – zunächst fast unbemerkt – von einer Fünf über eine Vier auf eine Drei hochgearbeitet. Nun stehen also beide Schüler auf einer Drei, ­und beide an einem »Entscheidungspunkt«: Es ist offen, wohin sie sich entwickeln. Im Vergleich beider Tendenzen und beim schlichten rechnerischen Fortschreiben wäre der Ausgang für den ehemaligen Einserkandidaten: fatal. – An einem solchen Punkt steht momentan auch der ehemalige »Einserkandidat« Deutschland: Der einstige Primus ist herausgefordert: vom Digitalen.

»Made in Germany« als Insignie für meisterhafte Ingenieurskunst und Maschinenbau – darauf lässt sich nicht mehr ausruhen. Selbst erfolgreiche deutsche Digital-Unternehmen wie SAP werben nicht zuallererst mit deutscher Wertarbeit. Eher ist es heute das »Silicon Valley«, das von digital erfolgversprechender, moderner (Software-)Ingenieurskunst zeugt und mit entsprechendem Nimbus einhergeht. Und deutsche Unternehmen? Sie müssen ihr Weltniveau erneut und ohne Vorschusslorbeeren unter Beweis stellen; vollmundig vorgetragene »Industrie-4.0«-Initiativen allein reichen da nicht.

Die Kernwerte von »Made in Germany« waren Qualität, Präzision und Erfindergeist. Und exakt diese Werte werden weiterhin (und gerade) in digitalen Zeiten gebraucht – für die innovative Gestaltung von Mensch-Maschine-Schnittstellen ebenso wie von Maschine-Maschine-Interaktionen. Deutschland hat in diesen Bereichen dank meisterhafter Ingenieurskunst und Maschinenbau eine mehr als solide Grundlage. Doch Weltklasse-Status erfordert immer wieder die Besinnung auf das jeweils Wesentliche – und hier ist nun heute etwas genuin Neues im Spiel: Nicht technische Machbarkeit und umgehende Wirtschaftlichkeit, sondern Nützlichkeit aus Kundensicht ist in digitalen Zeiten das Schlüsselkriterium für Markterfolg. Dazu gehört, was in Deutschland tatsächlich wieder gelernt sein will – worin wir hierzulande gewissermaßen Aufholbedarf haben: das Ausprobieren, das kluge Scheitern. Theoretisch ist es schnell bejaht; im unternehmerischen Alltag indes fokussieren wir dann gern wieder auf »Return on Investement« und Planungstreue. Doch damit allein kommen wir heute nicht mehr auf »Einserposition«. Das schaffen wir, wenn es uns gelingt, »typisch deutsche« Qualitäten – Sorgfalt, Zuverlässigkeit, Hochwertigkeit – zu verbinden mit konsequentem Denken aus Kundennutzen-Perspektive, und uns außerdem vermehrt eine gewisse Tüftler-Freiheit – vielleicht à la Artur Fischer – zugestehen. Dann sind »Made in Germany« beziehungsweise »...in Black forrest« auch in Zukunft: begehrte Gütesiegel.

 

 

 

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