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#Digisophie: Wie geil ist das denn! Es hat einen Touchscreen

Ingo Radermacher

15.11.2018 ·  Was einst das Display mit orange oder grün leuchtenden Ziffern war, ist heute der Touchscreen. Ein Zeichen von Fortschritt, moderner, zeitgemäßer Hardware. Doch so vorteilhaft wie es uns suggriert wird, ist es nicht. Denn im Gegensatz zu klassischen Bedienelementen schreit der Touchscreen vor allem nach einem: Aufmerksamkei

Ingo Radermacher

Ingo Radermacher ist Entscheidungsphilosoph und Klardenker. Als Informatiker und Unternehmensberater steht er für effektiven IT-Einsatz und innovative IT-Strategien. Zudem sorgt er als Keynote-Speaker für Klarheit und regt zum Selbstdenken an, indem er zeigt, dass sich Probleme logisch lösen und Entscheidungen klug treffen lassen. Als Mensch und Familienvater sieht er sich außerdem in der Verantwortung, auf die Veränderungen unserer Gesellschaft meinungsbildend Einfluss zu nehmen.  » http://www.ingoradermacher.de

Ganz sicher bin ich keiner von denen, die grundsätzlich »dagegen« sind. Im Gegenteil: Technik ohne Touchscreen wäre heute – da sind wir uns einig – fast schon unmöglich. Und so sind Smartphones, Laptops, Autoradios und selbst Küchengeräte mit berührungssensitiven Geräteoberflächen inzwischen aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Ein Berühren, Wischen und Streiche(l)n glatter Geräteoberflächen ist inzwischen Normalität. Der Touchscreen: gewissermaßen ein Erkennungszeichen moderner, zeitgemäßer Hardware. Wenn Technik schon keine Sprachsteuerung – als letzte Evolutionsstufe der Benutzer-Interaktion – besitzt, dann ist topaktuell, was zumindest »betoucht« und »gestreichelt« werden kann. »Drück mich!«, lautet die Devise. Während die Menschen-zu-Mensch Kommunikation – über Social-Media, Messaging-Dienste oder E-Mail – zunehmend berührungsfrei-aseptisch wird, nimmt die Mensch-Maschine-Interaktion gewissermaßen die Gegenrichtung.

Doch ist eine derartige Touch-Affinität ein Nachteil? Einmal verstanden, ist die digitale Menüführung großartig; meist: eine gelungene User-Experience. Man stelle sich als Alternative exemplarisch vor, sämtliche Touchscreen-Bedienelemente eines modernen, multifunktionalen und auswahlsensitiv-reagierenden Backofens sollten durch Knöpfe, Schalter und ein klassisches LCD-Display bereitgestellt werden. Unmöglich! Auf Entwicklerseite dürften sich gigantische Herausforderungen auftun, wollte man auch nur einen halbwegs gleichwertigen Funktionsumfang mit halbwegs gelungener User-Experience bieten.

Doch allen Vorzügen zum Trotz: Die Alleskönner-Touch-Oberflächen haben in puncto Bedienkonzept ein großes Manko. Bedienung und Orientierung ermöglichen sie – trotz teilweisen haptischen Feedbacks – nur dem, der hinschaut. Die Bedienung eines Touchscreens erfolgt nicht, wie es der Wortstamm vermuten lassen könnte, durch beiläufiges Touchieren. Stattdessen benötigen Touch-Gesten visuelle Aufmerksamkeit, Präzision und Eindeutigkeit. Touchscreens sind empfindlich, genauer: berührungs-empfindlich. Nicht mehr die sogenannte Blindbedienbarkeit ist gegeben, sondern eine vergleichsweise aufwändige Hand-Auge-Koordination gefordert.

Eine möglichst einfache Bedienbarkeit – bei der sich Nutzer nicht in Untermenüs verlieren – verlangt allerdings großen Aufwand in Entwicklung und Design. Ausgangspunkt der entsprechenden Überlegungen: die Schritte des Nutzers zu seinem Ziel – die User-Journey. Dabei wird in Entwicklung und Design ein bestimmter Nutzer-Typ fokussiert: der unbedarfte Bediener. Komfortabel ans Ziel gelangt nicht der Erfahrene – möglichst schnell und effektiv –, sondern der Neuling, möglichst leicht und »idiotensicher«. Der Touchscreen ist gewissermaßen ein Paradebeispiel für die in digitalen Zeiten übliche Orientierung am Novizen: Eintrittsbarrieren für Anwendungen und Technologien werden gesenkt; massenkompatible Standardisierung sorgt für Niederschwelligkeit. Im Gegenzug sehen sich die Experten unter den Nutzern »ausgebremst«: aufgehalten und eingeschränkt. Zu kleinschrittig – eben: idiotensicher – ist das Bedienkonzept. Individuelle Kompetenz im Umgang mit der jeweiligen Technologie nutzt bei einem Touchscreen wenig, im Gegenteil: Der Vorteil liegt beim Neuling. Wer sich möglichst einfältig gibt, auf Nachdenken verzichtet, wird – durchdachte Nutzerführung vorausgesetzt –vom Touchscreen bestmöglich unterstützt. Im Ergebnis heißt das: Expertise, Know-How und Kompetenz hinsichtlich der Funktionsweise eines Geräts – was im weitesten Sinne hieße: zu lernen – wird obsolet.

»Geil, es hat einen Touchscreen« – mag mancher sagen. In den Ohren manches Experten: ein Signal für die Absage an Sachkenntnis. Es ist wie bei vielen unserer Digitalisierungsbemühungen: Im Angesicht unserer hochauflösenden Bedienoberflächen ersticken wir in Details, statt uns auf das eigentlich für uns Wesentliche zu fokussieren. Wir irren – aus Entwickler- wie aus Nutzer-Perspektive – in spielerischen Gadget-Funktionen umher, statt auf Weiterentwicklung, Lernen und Kompetenzerwerb zu setzen. Ursächliche Fehlannahme: Der Touchscreen macht alle Nutzer ebenbürtig kompetent. Tatsächlich sind wir für einen Touchscreen: alle gleichermaßen inkompetent. Was indes völlig gleichgültig ist, denn – und hier ist der Touchscreen quasi Ausdruck der typischen Erwartung unserer Zeit: Alles ist erreichbar – für jeden. Hauptsache: Es wird berührt. Schlussendlich nimmt der Touchscreen dann aber zumindest eine in digitalen Zeiten weit verbreitete Sorge allemal: Jeder hinterlässt – aller digitalen Austauschbarkeit zum Trotz – darauf noch mindestens einen Fingerabdruck.

 

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