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Angst frisst Seele

Michael Lorenz

23.05.2019 ·  Schule, dazu haben wir alle etwas zu sagen. Wir kennen Sie ja aus eigener mindestens zehnjähriger Erfahrung. Wir wissen wie schlecht Lehrer sind und vor allem wissen wir, wie es besser geht. Das gilt nicht nur für Eltern. Selbst die vielen sogenannten Schulexperten - verschanzt hinter Studien und Metastudien wissen nicht, was vor Ort abläuft. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen der Lehrerausbildung ...

Michael Lorenz

Michael Lorenz ist Berater, Managementtrainer und Speaker. Er leitet die grow.up. Managementberatung. Vorher war er Geschäftsführer bei Kienbaum und leitete das Geschäftsfeld Human Ressources. In seinen lebendigen Büchern und Beiträgen zu Management-, Führungs- und Organisationsthemen vermittelt er anschaulich und unterhaltsam seine Erfahrungen und Einsichten aus Projekten, Trainings und Coachings. » http://www.grow-up.de

Mit ihrem Freund ist sie da. Beide – schätzungsweise Mitte 20 – sehen etwas verloren aus in der Küche des deutlich älteren Gastgebers. „Und was motiviert euch so, den Abend auf n´er Party mit alten Leuten zu verbringen?“, frage ich.
„Was für alte Leute?“, fragt er zurück. Das spricht für Charme. „Was für ne Party?“, fragt sie. Das spricht für Realitätssinn.
Ich mag ihr kluges Lachen. Wir kommen ins Gespräch. Sie studiert auf Lehramt, er ist Chemiker.

Ich drücke meine Bewunderung für die – aus meiner Sicht – schwere Berufswahl des Lehrerberufs aus. Und zwar nicht wegen der Kinder – die sind sicher auch schwieriger als früher geworden. Sondern wegen des immer verrückter werdenden Systems Schule und der immer anspruchsvoller werdenden Eltern.

Nach ein paar Minuten Gespräch erste Berührung mit den Themen unter der Oberfläche. „Ich hab solch Panik, dass ich das Referendariat nicht schaffe.“ Ich bin schwer verwundert. Landauf- landab fehlen Lehrer. Alle Schulämter nehmen, was sie kriegen können. Aushilfslehrer, Pensionäre, Umschüler, egal.

Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass gut ausgebildete Referendare heute nicht händeringend gesucht werden.

Und – sogar ich als Schulsystem-Externer kann nach ein paar Minuten im Gespräch sehen, dass sie sehr gut zu ihrem Berufswunsch passt – Intelligent, neugierig mit der für diese Szene wichtigen guten Mischung aus Angepasstheit und Eigenständigkeit. Das sehen doch ihre Ausbilder sicher auch. Wovor hat sie Angst?

Doch dann erinnere ich mich an meine eigene Einschätzung des Systems „Schule“ – verrückt.

Ach ja richtig - in der Lehrerausbildung sind ja auch heute noch wahrscheinlich alle möglichen „Tante Gute-Liese-Hyper-Turbo-Modelle“ tätig. Fast alle diese Exemplare (zumindest in der Vergangenheit) hoch leistungsmotiviert, meist mit sich und anderen sehr anspruchsvoll und gerne als solches auch mit einer hübschen Portion Zwanghaftigkeit ausgestattet. Manche wollen die ganze Referendariatszeit hören, dass die Jung-Lehrer*innen das nachbeten, was ihnen in der Ausbildung vorgebetet wurde. Und ihre selbständig gehaltenen Stunden anschließend auch ganz selbstkritisch auseinandernehmen. Damit auch ja „exzellente“ Abziehbilder eines Lehrer-Ideals von vorgestern in den inzwischen katastrophal erodierten Schulalltag von heute entlassen werden. Mit irrealen Ansprüchen, an denen sie sich dann oft selbst schnell frustrieren.

Wie wäre es, wenn ihnen mal jemand Mut macht? Und den Rücken stärkt?

Ihnen beibringt, wie sie pragmatisch und alltagstauglich mit den Mängelzuständen und Widrigkeiten ihres kaputten Systems umgehen?

Wir wäre es, wenn jemand mal mit den jungen Menschen an ihrer Resilienz arbeitet? Am Aufbau ihrer Widerstandskraft gegen ein völlig aus den Fugen geratenes System, das von den täglich zu bewältigenden Anforderungen heute viel mehr dem Alltag einer Notaufnahme in amerikanischen Brennpunktkliniken als Heinrich Spoerl´s Feuerzangenbowle oder Erich Kästners fliegendem Klassenzimmer ähnelt?

Wie wäre es, wenn ihnen mal jemand beibringt, wie die jungen Lehrer von Morgen überzogene Ansprüche von verpeilten Helikopter-Eltern einer sich immer weiter indiviudualisierenden Wohlstandsgesellschaft mit passender Selbstsicherheit, vernünftiger Abgrenzung und gut sitzenden, eingeübten Formulierungen im Rahmen halten?

Und nicht, wie ihre altvorderen Ausbilder von gestern mangelnde Ausbildungserfolge immer bei sich selber suchen und dann mit dem Mechanismus von vorgestern darauf reagieren. „Ist die Stunde nicht gut gelaufen muss ich mich eben (noch) mehr anstrengen. Dann wird es irgendwann sicher besser.“

Ja, war (vielleicht) mal. In einem noch rational funktionierenden System. In dem Gelder noch in Lehrkräfte, Schuldächer und Hausmeister geflossen sind und Eltern die Qualifikation von Lehrern und Rektoren für ihren Beruf noch anerkannt oder wenigstens respektiert haben und nicht helikopterartig im nächsten System von dem sie keine Ahnung haben überzogene Ansprüche lautstark und penetrant versuchen durchzusetzen.

Und Kinder noch ein paar Grundlagen von Rücksichtnahme, Aufmerksamkeitsfokussierung und temporärer Zurückstellung eigener Wünsche ohne sofortige Bedürfnis-Befriedigung – früher Erziehung genannt - von Zuhause mitbekommen haben.  

Solchermaßen fehl-ausgebildet schickt das System die leistungsmotivierten, idealistischen und sich selbst verpflichtenden jungen Lehrer*innen - je nach individueller psychischer Widerstandskraft – mehr oder weniger früh auf direktem Weg in den Burn-Out.

Wenn ich mir dieses Bild aus meiner Perspektive klarmache, habe ich eigentlich auch Angst.

Und zwar um genau diese motivierten, idealistischen, für die Anforderungen von heute schlecht und für die von morgen katastrophal ausgebildeten jungen Lehrerinnen und Lehrer.

Hoffentlich haben wenigstens einige von ihnen das Glück, früh gute, realitätstüchtige Mentor*innen oder wenigstens pragmatische Coaches zu finden, die mit ihnen daran arbeiten, die schlimmsten Untiefen frühzeitig genug gut zu umschiffen.

 

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