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Denken oder denken lassen? Der Irrtum mit der Expertise

Heinz Jiranek

28.09.2017 ·  In unserer kapitalistischen Gesellschaft können falsche Entscheidungen sehr teuer werden, die richtige Wahl verspricht Reichtum. Also investieren Unternehmen viel in Experten, um möglichst auf der sicheren Seite zu landen.

Heinz Jiranek

Der Diplom-Psychologe Heinz Jiranek arbeitet seit über 30 Jahren als Coach. Kommunikation und Führung sind seine Themen. Dabei fokussiert er immer auf die Wirkung, nicht auf das Rezept. Denn die schnelle Lösung ist ihm suspekt. Sie liefert nur eine Schein-Sicherheit. Eine Erkenntnis aus seiner beruflichen Herkunft als Therapeut, die ihn bis heute begleitet. » http://www.jiranek.de

Der Euro-Dollar-Wechselkurs. Wüsste man vorher diesen Kurs, dann hätte das einen gewaltigen Einfluss auf Strategie und möglichen Erfolg. Also werden Experten eingekauft. Doch was leisten diese? Gigerenzer (2013) und seine Mitarbeiter haben die Probe aufs Exempel gemacht und sich die Prognosen 22 (!) renommierter Geldhäuser im Zeitraum von 2001 bis 2010 vorgenommen. Das Ergebnis:

  • In sechs von zehn Fällen lag der tatsächliche Wechselkurs außerhalb der Bandbreite (!) aller (!) Schätzungen.
  • Drei Mal innerhalb der Bandbreite, aber sehr weit entfernt vom tatsächlichen Wert.

Es ist leicht einzusehen, dass solche Prognosen im wahrsten Sinne des Wortes ihr Geld nicht wert sind. Gigerenzer geht davon aus, dass die alle das wissen – aber es gehe gar nicht um die Prognose, es gehe vielmehr darum, nicht die Verantwortung übernehmen zu wollen. »Leider hat die Prognose von Merrill Lynch nicht gestimmt!«, das sagt sich leichter als »Wir lagen daneben.« Anonyme Köpfe entziehen sich dem Schafott, reale sind gefährdet.

Nun sind Experten allgegenwärtig. Es gibt keinen Bereich, in den sie nicht vorgedrungen wären. Politik, Wirtschaft, Erziehung, Gesundheit, Ernährung und so fort. Ohne die Meinung dieser Fachleute scheint nichts mehr zu gehen. Und stolpern wir über den alltäglichen Befund, dass es neben Experten für die Meinung A immer auch Experten für die Meinung B gibt.

Wie kann das sein? Wäre es dann nicht besser, selbst zu denken? Oder: Wann sollten wir Experten Gehör schenken, wann eher nicht?

Hier einige notwendige Kriterien, um als Experte auftreten zu können:

  • Trennung von Meinung und Fakten, - dies ist ein journalistischer Grundsatz, an den sich viele „Experten“ nicht halten.
  • Es müssen belegbare Fakten vorliegen.
  • Leiten sich die Schlussfolgerungen tatsächlich aus den Fakten ab?
  • Aussagen über die Zukunft können immer nur Meinungen sein. Der Forscher befasst sich mit dem, was er vorfindet, mit der Empirie. Die Zukunft ist kein empirischer Zustand! Der Begriff „Zukunftsforscher“ ist also ein Widerspruch in sich selbst. (Wozu das führt: Siehe Wechselkursvorhersagen)
  • Unabhängigkeit: Von wem wird der Experte bezahlt? Vor Jahren schon textete der Comedian Otto: „Studien haben herausgefunden, dass Rauchen doch nicht schädlich ist. - Gezeichnet Dr. Marlboro“

Was tun Selbstdenker?

Sie entwickeln zu allererst eine Allergie gegen Vereinfachungen oder Übertreibungen. Simple Lösungen sind ihnen von vornherein zuwider („Ausländer raus!“). Sie entlarven Begründungen, die auf Anekdoten beruhen, als unzulässig: „Ja, aber neben dem Horst wohnt ein Syrer, der seinen Müll auf der Straße entsorgt.“ Da würden mir auch ein paar Bayern einfallen. Selbstdenker prüfen die Fakten. Achtung: Fakten überschreiten meist die 140-Zeichen-Grenze. Sie recherchieren auch ab und zu, ob die vertretene Meinung Sponsoren hat. (Wer Lust hat, der möge sich die Sponsoren der American Diabetes Organisation auf deren eigener Homepage (!) ansehen und sich dann die Frage stellen, wie die „Experten“-Meinungen dieser Organisation zustande kommen.) Bis 2015 hat Coca Cola die Academy of Nutrition and Dietetics gesponsert. Selbstdenker legen sich Kriterien zurecht, nach denen sie Informationen beurteilen. Die Technische Universität Darmstadt hat solche Kriterien zusammengestellt. Auf www.medien-doktor.de werden medizinische oder umweltjournalistische Artikel nach diesen Kriterien benotet.

Der Selbstdenker entwickelt so seine eigene Expertise.


Literatur: Gigerenzer, G. (2013): Risiko: wie man die richtigen Entscheidungen trifft. Bertelsmann, München.

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