Der Irrglaube der Bestandseuphorie BusinessVillage - Verlag für die Wirtschaft

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Der Irrglaube der Bestandseuphorie

Heinz Jiranek

04.04.2019 ·  Wachstum ist das Mantra unser Zeit. Keine Volkswirtschaft, kein Unternehmenslenker kann auf seine Proklamation verzichten. So wird jedes Jahr ein neues Wachsstum von xyz-Prozent verkündet. Doch dabei wird etwas Grundlegendes übersehen ...

Heinz Jiranek

Der Diplom-Psychologe Heinz Jiranek arbeitet seit über dreißig Jahren als Coach. Kommunikation und Führung sind seine Themen. Dabei fokussiert er immer auf die Wirkung, nicht auf das Rezept. Denn die schnelle Lösung ist ihm suspekt. Sie liefert nur eine Schein-Sicherheit. Eine Erkenntnis aus seiner beruflichen Herkunft als Therapeut, die ihn bis heute begleitet. » http://www.jiranek.de

Jedes Wachstum hat Grenzen. Wir haben das schon mithilfe der Zinsentwicklung gezeigt. Exponentielles Wachstum wird diese Grenzen schneller erreichen als stetiges.Wenn Unternehmen verkünden, sie würden pro Jahr um soundsoviel Prozent wachsen, dann werden mindestens zwei Faktoren übersehen. Erstens, dass es sich um eine exponentielle Gleichung handelt. Hätte das Unternehmen zweitausend Mitarbeiter, und würde die Belegschaft jedes Jahr um 10 Prozent wachsen, so wären nach dem ersten Jahr zweihundert zusätzliche Mitarbeiter an Bord. Von Jahr fünf auf sechs müssten aber dann bereits dreihundert neue Mitarbeiter eingestellt werden, und man hätte schon über dreitausend Mitarbeiter, im achten Jahr hätte das Unternehmen seine Mitarbeiterzahl verdoppelt! Im zwanzigsten Jahr wäre man bei zehntausend Mitarbeitern. Im dreißigsten Jahr bei sage und schreibe über dreißigtausend. Prozentuale Wachstums-Aussagen transportieren also gefühlt Lineares, tatsächlich aber handelt es sich um exponentielle Modelle. Zweitens ist jedes (exponentielle) Wachstum begrenzt.

Dem Unternehmen gehen beispielsweise die Kunden (Märkte) aus, so wie das Virus immer weniger nicht-infizierte Opfer findet. Und hier deutet sich schon der dritte Fehler vieler Steigerungsprognosen an, den ich hier Bestandseuphorie nennen möchte. Wir tun so, als hätten wir unbegrenzte Ressourcen, als gäbe es keine Konkurrenten, als käme der Strom aus der Steckdose, als könnte man beliebig viele Fische aus dem Meer ziehen, als wären die vorhandenen Ressourcen beliebig ausbeutbar, und man könnte so immer mehr Geld anhäufen. Donella Meadows: »Wenn man einen Kapitalbestand aufbaut, der von einer nicht erneuerbaren Ressource abhängig ist, fällt man umso tiefer und schneller, je höher und rascher man gewachsen ist. In Anbetracht des exponentiellen Wachstums von Abbau oder Verbrauch bringt eine Verdoppelung oder Vervierfachung der nicht erneuerbaren Ressourcen nur wenig zusätzliche Zeit, um Alternativen zu entwickeln.« Die Wachstumsideologie hat eine gefährliche Selbstverständlichkeit entwickelt, so als sei sie der einzige Garant fürs Überleben; ich denke, das Gegenteil ist der Fall: Sie ist der Garant für den Untergang!

Bestandseuphorie

In unserer Bestandseuphorie übersehen wir, wie wir die umgebenden Systeme, in denen unsere Systeme funktionieren, aus der Bahn werfen. Es geht aber nur so lange, bis es nicht mehr geht!

Unterdessen haben wir uns daran gewöhnt, die Ressource Mensch (»Die Mitarbeiter sind unser höchstes Gut!«) auch unbegrenzt auszunutzen. Der Vorrat an Leistungsfähigkeit, Motivation und Loyalität wird als unerschöpflich angesehen. Eine nicht nur unsinnige, sondern auch verwerfliche Ideologie. Denn natürlich sind diese Bestände physiologisch, psychologisch und – wenn Sie so wollen – ethisch begrenzt. Wir bezahlen dies mit einem hohen Anteil innerlich schon längst emigrierter Mitarbeiter; 70 Prozent der amerikanischen Mitarbeiter, lese ich auf gallup.com, seien nicht wirklich engagiert! Wir bezahlen dies aber auch mit Fehlern, die durch Überlastung entstehen, mit falschen Entscheidungen, weil keine Zeit zum Nachdenken bleibt, mit einem Mangel an Kreativität, mit Aggressivität im Umgang miteinander, wie sie im Kielwasser von Hektik und Zeitdruck immer zu finden ist; und wir bezahlen dies schließlich mit Burn-outs, mit Familien, in denen die geistige oder physische Abwesenheit eines oder beider Elternteile eine weitere, auch gesamtgesellschaftliche und ohne Frage nicht folgenlose Belastung erzeugt. Selbst die Lust an der Leistung kann zur Droge werden, zu einer »leistungslüsternen Selbstverbrennung in der Arbeit«.

»Das müssten Sie dann halt noch on top erledigen.« Ich nenne das »Maligne Ontopitis«. Der gleiche Chef hat kein Problem damit, eine Stunde später mit einem »Passen Sie auf sich auf, überdrehen Sie nicht!« kommunikativ in Erscheinung zu treten. Bestandseuphorie: Es geht nur so lange, bis es nicht mehr geht!

 

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