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Die Farce im Management

Kurt Steffenhagen

30.03.2017 ·  Wer heute das aktuelle Denken in den Führungsetagen der Firmen genauer betrachtet, wird auf ein Geschwurbel aus Taylorismus, einem Denken das bis ins 17. Jahrhundert zurückgeht und missbrauchter Psychologie stoßen.

Kurt Steffenhagen

Kurt Steffenhagen ist seit 25 Jahren als systemischer Coach, Trainer und Speaker tätig. Nach seinem Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften arbeitete er als Supervisor im Individual- und Gruppenbereich und als Coach in der Wirtschaft. Dort begleitete er Manager im mittleren und Top-Management. Eine seiner Leidenschaften sind bissige Management-Kolumnen, die regelmäßig großen Zuspruch finden. »  » http://www.kurt-steffenhagen.de

Würde man die Situation im aktuellen Denken des Managements beschreiben, ließe sie sich in folgenden Thesen darstellen:

  1. Das herrschende Weltbild im Management ist auf dem Denkniveau der Newton’schen Physik des 17. Jahrhunderts.. Dieses Erklärungsmodell, dass alles eine einfache Ursache habe ist längst bankrott.
  2. Es ist naiv, über Menschen wie über Gegenstände zu denken, als ginge es darum, eine Tatsache festzustellen. In Wirklichkeit geht es um eine Einstellung: um die Frage, wie wir gemeinsam leben wollen.
  3. Das grundlegende Werkzeug des naiven Managements, Management by Objectives (MbO) ist tot. – Aber niemand traut sich offen dazu zu bekennen
  4. Die Idee der direkten Beeinflussung von Menschen, die in Motivationstheorien gipfelt, ist ein grandios bejubelter Irrtum.
  5. Die Kapitäne sind auf beiden Augen blind. Sie unterscheiden nicht die gesellschaftlichen, wirtschaftliche und ethischen Ebenen, in denen sich ihre Wirklichkeit abspielt, und machen sie platt.
  6. Die Knute der Diktatur des Taylorismus, des „Wir da oben und Ihr da unten“ wird mit einem intellektuell-emotional verschwiemelten Sirup überschmiert.
  7. Die Psychologie wir zweckentfremdet und von Laien (Personalabteilungen) missbraucht und zweckentfremdet.Die Kapitäne sind taub. Selbst wenn das, was sie tun, offensichtlich mangelhaft ist, hören sie nicht., ihnen fehlt die Reflexion der „Wirklichkeit“.

Wieviel dieses Denkens ist Naivität und wie viel Dummheit?

Die Grenzen verwischen und sind kaum auszumachen. Eine Ursache ist darin zu sehen, dass Menschen Rezepte suchen. Es existiert quasi eine Sucht nach universellen Rezepten die einfach angewendeten Probleme lösen. Ein Beleg dafür ist die unzählige Ratgeberliteratur, die vielfältigen Seminarangebote bis hin zu Exklusiven Events fürs Top-Management, das mit wohlfeil klingenden Methoden und Verfahren Lösungen verspricht.

Doch der Glaube an diese Rezepte ist – selbst im Management - unerschütterlich. Eine Reflexion dessen was man tut und auf welche Grund-annahmen man sich stützt kommt zu kurz oder findet gar nicht statt.

Dummheit ist Nichtwissen. Das kann man den teilweise gut studierten Managern nicht unterstellen. Naivität hingegen ist mangelnde Reflexion und daraus resultierendes, atemloses und aktionistisches Handeln und das findet sich in vielen Lebensbereichen wieder.

Der Strohhalm an dem sich die meisten Manager klammern, hat viele Namen. Man bedient sich beispielsweise der Psychologie, um Verhalten zu erklären, natürlich das Verhalten der anderen, der Mitarbeiter oder wen auch immer. 

Der Satz, „A fool with a tool is worse than one without“ hat seine Berechtigung. Die Psychologie verkommt zur Hure im Management und wird missbraucht, um das Nachdenken zu ersetzten und Verantwortung auf andere zu delegieren.

Eine beliebte Praxis bei der Besetzung von Positionen (und mittlerweile auch für einfache Stellen) sind Persönlichkeitsprofile. Das diese Profile oftmals von Laien erstellt werden ist schon fragwürdig genug. Dass man die Ergebnisse - mit Worten wie „Diagnose“ -  auch noch den Betroffenen mitteilt gipfelt schon an Verantwortungslosigkeit. Doch dass man an die Aussagekraft dieser Ergebnisse glaubt und als Entscheidungsgrundlage verwendet ist schlichtweg naiv.

Gekonnt werden Begriffe bis zur Unkenntlichkeit gebeugt und der Beliebigkeit Preisgegeben. So wird beispielsweise Persönlichkeit mit „Ego“ verwechselt oder gleichgesetzt. Oder Modelle kluger Wissenschaftler werden ihrem Kontext entrissen und Zweckentfremdet. Es ist immer wie-der der Versuch den komplexen Umgang mit Menschen – einem systemischen und nicht linearen System – in ein einfaches, überschaubares aber naives Weltbild zu überführen.

Doch der Umgang mit Menschen erfordert vielmehr Verantwortung, Empathie, Menschenkenntnis und Mut. Und das gelingt nicht mit für jedermann verständlichen Rezepten auf dem Niveau des simplen Eierkochens.

Der Mensch im Mittelpunkt

Eine Farce, eine Floskel. Eine Aussage die an Unverschämtheit kaum zu überbieten ist. Sofern er aus dem Mund der Manager kommt. Da stellt sich zuerst die Frage welches Menschenbild meinen die eigentlich? Mittelpunkt von was? Vermutlich hängen sie noch dem Taylorismus an: Der Auffassung, Menschen seien eine bessere Maschine, die es zu optimieren.Ein Welt- und Menschenbild das zurückgeht ins industrielle Mittelalter und eigentlich als überwunden gilt.

Gekontert wird diese Behauptung mit „Die Mitarbeiter wollen keine Verantwortung.“ Vielleicht stimmt das sogar. Aber dieses „Nicht-Wollen“ leitet sich aus einem anderen Kontext her. Es ist nicht die Psychologie der „Nichtinteressierten“, es ist die Organisation der Unternehmen, die zur Nicht-Verantwortung einlädt. Ein Phänomen, das es auch in unserer Demokratie in Form von sinkender Wahlbeteiligung zu beobachten ist.

All diese Management-Ansätze zerschellen regelmäßig an der Realität einer sich von Gestern in die Zukunft transformierenden Welt. Sie wer-den obsolet bevor Sie wirken konnten – falls Sie wirken. Führung heißt Denken -  Vordenken. Und das ist genau der Punkt.

Der Chefredakteur des Handelsblattes wurde kürzlich gefragt, ob wir Europa aufgeben müssen. Seine Antwort war: »Nein, nicht aufgeben! Wir sollten Europa neu erfinden, wenn wir den Karren aus dem Dreck ziehen wollen!«.

Es geht kein Weg daran vorbei, die Trutzburg „Management by ...“, der Methoden, der Psychologie … zu verlassen. Es geht kein Weg dran vorbei (wieder) Verantwortung zu übernehmen und mit Empathie, Menschenkenntnis und Mut neue Lösungen zu suchen.

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