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Die Farce mit der Erfahrung

30.03.2017 ·  Aufgaben aus Erfahrung zu lösen, ist, als wolle man eine Schraube mit dem Schraubenzieher aus Blei drehen. Und wie nennt man es, wenn es doch klappt?

Kurt Steffenhagen ist seit 25 Jahren als systemischer Coach, Trainer und Speaker tätig. Nach seinem Studium der Rechts- und Sozialwissenschaften arbeitete er als Supervisor im Individual- und Gruppenbereich und als Coach in der Wirtschaft. Dort begleitete er Manager im mittleren und Top-Management. Eine seiner Leidenschaften sind bissige Management-Kolumnen, die regelmäßig großen Zuspruch finden. » http://www.kurt-steffenhagen.de

Aufgaben aus Erfahrung heraus zu lösen, ist, als wollte man eine Schraube mit einem Schraubenzieher aus Blei drehen. Wenn es doch klappt, wie nennt man das dann?

Vielen Menschen gelingt es nicht, ihre Erfahrung in die nächste Generation zu tragen oder an ihre Nachfolger weiterzugeben. Aus für sie gutem Grund bleiben sie daher oft bis zum bitteren Ende, ihrem eigenen oder dem der Firma, im Amt. Sie stolpern über ihre eigenen Vorstellungen vom Wert der Erfahrung. Erfahrung ist eigentlich nur dann etwas wert, wenn sie sich direkt aus der Vergangenheit auf das Jetzt der Gegebenheiten übertragen lässt – Beispiel Eierkochen. Das bedeutet, dass Erfahrung eigentlich sehr selten etwas wert ist, dann nämlich, wenn der Kontext gleich bleibt. Hierüber wird man sicher streiten können und es entspricht nicht der landläufigen Auffassung, dass man dieses Scheitern häufig beobachten könne.

Im Miteinander der Kommunikation – und das steht hier im Mittelpunkt – hilft die Erfahrung nicht so viel weiter, wie es manchmal ausschaut. Erfahrung lässt sich nicht zum in Stein gemeißelten Gesetz formen. Und sie ist es auch nicht wert, in Stein gemeißelt zu werden.

Erfahrung ist frei erfunden.

Erfahrung ist die Schlussfolgerung aus einem Erleben. Das Geschehen wird unter bestimmten Strukturen und in einem alten, meist nicht mehr zeitgemäßen Rahmen interpretiert; Ergebnis ist die Erfahrung. Fakt ist das Geschehen, relativ ist die interpretierende Erfahrung. Wenn man diesem Gedanken folgt, entbehrt der Satz »Erfahrung ist frei erfunden« nicht einer gewissen Plausibilität. Erfahrungen und daraus abgeleitete Leitsätze sind Schlussfolgerungen, die eben kreiert sind und nicht Fakten darstellen.

Schmecke das, was auf dem Teller ist, und nicht das, was dir darüber erzählt wird.

Wer an Erfahrung wie an einen Fakt glaubt, verwechselt die Speisekarte mit dem Essen, das dann auf dem Teller liegt.

Es ist überdies aus diesem Grund auch leicht erklärbar, warum die Erfahrung älterer Menschen oft wenig offene Ohren findet. Wer will schon vom Gestern hören, wenn er das Morgen selber gestalten kann und muss, seine Schlussfolgerung selbst zieht und das, was ihm erzählt wird, nur eine Geschichte ist, die ein Narr erzählt?19 Was könnte denn im Bereich Kommunikation schon Erfahrung bedeuten? Was hat der Erfahrene mehr als der Unerfahrene? Wissen ist nicht das entscheidende Kriterium im Face-to-face-Kontakt, eher ist das Gegenteil der Fall.

Erfahrung ist ein Schraubenzieher aus Blei.

Das Einzige, was meiner Erfahrung nach gilt, ist Folgendes: Es gibt keine Erfahrung zu sammeln, die direkt nützlich wäre, um mit Menschen erfolgreich zu sein, die man anwenden könnte wie einen Schraubenzieher, um eine Schraube festzuziehen. Wenn ich trotzdem einmal festgezogen habe, so erweist sich der Schraubenzieher beim nächsten Mal als einer aus Blei. Es geht hier nicht darum, alles an Erfahrung abzuwerten, sondern eher darum, etwas danebenzustellen, das mehr Zugang zu Menschen eröffnet als die Auffassung von Führung und Kommunikation und den daraus abgeleiteten Weisheiten.

Jede Kommunikation mit einem Menschen ist immer ein Experiment mit nicht ganz sicherem Ausgang.

Kommunikation beinhaltet Faktoren, die sich zum Teil der aktuellen Kenntnis entziehen. Das betrifft die persönliche Situation des Gegenübers, den Kontext, in dem es gesagt und dann gehört wird, um nur einige Faktoren zu benennen.

Diese Einflüsse bestimmen, ob die Kommunikation so erfolgreich ist, wie man es annehmen möchte. Es gibt dafür viele Beispiele. Sogar die Interpunktion innerhalb eines Satzes oder die Betonung einzelner Worte verändert eine Aussage vollständig. Ein bekanntes Beispiel ist die Frage: »Was willst du schon wieder?« Auf den ersten Blick eine klare Aussage. Lautet die Frage aber: »Was willst du schon wieder?«, kommen wir zu anderen Bedeutungen, und wenn es heißt: »Was willst du schon wieder?«, ist der Turmbau zu Babel perfekt.

Kommunikation erfordert Achtsamkeit und weniger Erfahrung und Regeln.

Achtsamkeit ist eine Haltung der Offenheit zu seinem Gegenüber, eine Bereitschaft, zu erkennen, was gerade ist. Eierkocher leben in Standards, weil sie glauben, nur so ihr Credo der Linearität aufrechterhalten zu können. Am lächerlichsten sind diese Standards zum Beispiel in den Behauptungen über die unterschiedlichen Verhaltensweisen der Geschlechter. Männer sind so und Frauen sind eben so. Mag sein, wetten würde ich darauf aber nicht. Abgesehen davon dient eine solche Behauptung auch dem Interesse der Macht. Männer taugen dem Stereotyp nach eben mehr zum Vorstandsposten.

Regeln beinhalten immer eine Generalisierung. Es gibt keine Regel für den Einzelfall, da wir die Situation ja vorher nicht kennen. Aber die Generalisierung, der dicke Daumen der Eierkocher, versperrt den Blick auf die Vielfalt und die Lebendigkeit des Miteinanders, ja sie zerstört sie. Wer behauptet, Erfahrung in einem Zwiegespräch zu haben und diese Erfahrung in Regeln presst, braucht das Gespräch eigentlich gar nicht zu führen. Er »weiß« ja, was passiert.

An einem Buchstand eines Ratgeberverlages auf der Frankfurter Buchmesse fragte ein Besucher: »Na, was gibt es Neues?« Der Besucher war ein exzellenter Kommunikator, berühmt für seine Kunst in der Gestaltung des Miteinanders; er ist ein wacher Geist. Ich weiß nicht, wie er das gemeint hat, er könnte aber auch gemeint haben: »Was habt ihr Eierkocher euch jetzt wieder ausgedacht?«

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