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Die achtsame Führungskraft

Markus Czeslik

29.11.2018 ·  Viele Führungskräfte haben nicht alles beisammen. Zwischen Tür und Angel ein Gespräch, ein kurzes abnicken und zum nächsten Termin ... Das ist alles andere als achtsam. Doch welche Eigenschaften machen eine achtsame Führungskraft aus? Im grund genommen sind es nur zwei.

Markus Czeslik

Markus Czeslik lernt und lehrt als Change-Navigator das Wechselspiel von Wandel und Stabilität, Beschleunigung und Reflexion. Er ist geprägt von Führungsvorbildern, die gerade in Umbruchphasen beide Pole miteinander vereinen. Der fortschreitenden Lähmung auf der mittleren Führungsebene begegnet der Managementberater mit frischen Impulsen und schafft so auch mehr Klarheit im Rollenkonflikt zwischen Chef und Mitarbeiter. » http://

Das Kennzeichen von Achtsamkeit ist  die Kombination aus scharfem Fokus und offenem Gewahrsein. Sie sind dann ganz präsent, ganz bei sich selbst und bei dem, was Sie tun. Sie haben keine Checkliste im Kopf, lauschen nicht dem inneren Geschichtenerzähler, konstruieren keine Realität oder denken noch einmal über das vergangene Gespräch nach, sondern erleben den Moment ganz so, wie er ist. Statt nur den Körper in der Gegenwart zu fixieren und den Geist auf Wanderschaft gehen zu lassen, bilden Ihr Körper und Geist im achtsamen Zustand eine Einheit – und zwar hier und jetzt.

Eine achtsame Führungskraft hat die besondere Fähigkeit, sich auf ein Thema zu konzentrieren und dabei alle Sensoren auf Empfang zu stellen – in der Erwartung von Ereignissen und Informationen, die jederzeit zu ihr vordringen können, sei es, dass ein Mitarbeiter, Ihr Chef, ein Kollege oder ein Kunde mit einer dringlichen Anfrage auf Sie zukommen und Ihre Aufmerksamkeit an sich ziehen wollen.

Hougaard empfiehlt in diesem Kontext, zwei Regeln anzuwenden, um eine erhöhte Achtsamkeit zu praktizieren:

  1. Konzentriere dich auf das, was du auswählst
  2. Wähle deine Ablenkungen achtsam aus

Konzentriere dich auf das, was du auswählst

Wir haben im Tagesverlauf unzählige Optionen, denen wir uns zuwenden, unzählige Dinge, mit denen wir uns beschäftigen können: einen Vertrag aufsetzen, E-Mails beantworten, ein wichtiges Telefonat erledigen, ein Mitarbeitergespräch führen, eine Strategie ausfeilen. Wir müssen eine klare Entscheidung treffen, welcher Aufgabe wir uns voll und ganz widmen wollen. Und wenn wir diese Entscheidung getroffen haben, müssen wir auch – für einen definierten Zeitraum – bei dieser einen Sache bleiben. Klingt so simpel und klappt doch selten.

Es funktioniert natürlich auch nicht, wenn wir diese erste Regel nicht mit der zweiten verknüpfen. Denn wenn ein kritisches Ereignis eintritt, zum Beispiel, wenn ein Kunde Sie jetzt und sofort sprechen will, können Sie schlecht antworten: »Sorry, aber ich habe mich jetzt entschieden, eine Verkaufsstrategie für unser Hammerprodukt zu entwickeln. Bitte stören Sie mich nicht. Ach wissen Sie was: Ich nehme Sie gar nicht wahr!«

Wähle deine Ablenkungen achtsam aus

Die zweite Regel besagt, dass – wenn wir abgelenkt werden – wir sehr genau prüfen sollen, ob wir dieser Ablenkung unsere ganze Aufmerksamkeit widmen wollen. Wohlgemerkt: Sie können die Aufmerksamkeit nicht teilen, sie muss immer vollständig sein. Bewerten Sie also die Ablenkung des Kunden als relevant (wenn auch vielleicht nicht als willkommen) und beschließen Sie, dass dieser Kunde wirklich nicht warten darf, dann (und erst dann) switchen Sie – bewusst und mit Ihrer vollen Aufmerksamkeit – zu diesem neuen Gegenstand (und wenden Regel 1 an). In der Realität buhlen noch während des Telefonats mit dem Kunden ein paar E-Mails und ein Mitarbeiter (vielleicht auch schon der verlockende Gedanke an das Abendessen mit Ihrem Ehepartner) um Ihre Aufmerksamkeit. Und wieder wenden Sie Regel 2 an, bewerten in Sekundenbruchteilen die neuerlichen Ablenkungen als relevant oder irrelevant (für diesen Moment) – und entscheiden sich, welchem Gegenstand Sie Ihre volle Aufmerksamkeit widmen und welchen Sie zurückstellen möchten. Vielleicht hilft Ihnen als Erinnerungsstütze an diese Praxis das Bild einer Spinne in ihrem Spinnennetz. Was passiert, wenn sich ein Insekt im Spinnennetz verfängt? Die Spinne zieht los und schnappt sich das Opfer. Zum Leidwesen des Insekts widmet sich die Spinne nun vollständig ihrem Opfer. Sie bringt das Insekt in den Fokus ihrer Aufmerksamkeit, ohne das Netz in seiner Gesamtheit aus dem Blick zu verlieren – sie hat schließlich noch mehr Hunger.

Sobald sich nun ein zweites Insekt an einer anderen Stelle im Netz verfängt, bewertet die Spinne die Situation neu: Bin ich schon mit dem ersten Opfer fertig und möchte ich wissen, wie das zweite Opfer schmeckt – oder kann das zweite Insekt noch etwas warten, weil ich das erste noch nicht zu Ende verspeist habe? Egal bei welchem Opfer sich die Spinne gerade befindet, ihr Fokus gilt immer diesem einen Opfer im jeweiligen Moment. Und so bewegt sie sich mit sanfter Entschiedenheit, gelassen und gewandt zugleich über ihr Netz. Sie verfällt nicht in Panik und erledigt eins nach dem anderen. Multitasking ist auch ihr Ding nicht.

Genauso wird auch unser Geist innerhalb unseres Wahrnehmungsradars von einem Objekt angezogen oder von einem Geräusch, einer Information, einer Erinnerung oder Sorge. Unser Geist kann seine Neugier nicht zügeln und stürzt sich wie die Spinne auf das Objekt. Dort verweilt er und beschäftigt sich nur mit diesem Objekt, weil er es als relevant erachtet. Sonst hätte es nicht sein Interesse geweckt. Unser Geist wandert nur dann zum nächsten Objekt, wenn er dieses als relevanter bewertet – und schwupps, landet das erste Objekt in der Schublade und wird erst rausgeholt, wenn unser Geist es will.

Wenn Sie als Führungskraft im agilen Zeitalter überleben wollen, tun Sie alles dafür, den Fokus zu halten – aber nicht in Form eines Tunnelblicks, sondern indem Sie punktuell und temporär einzelne Objekte scharf stellen. Eigentlich ist Ihr kompletter Tagesablauf eine Abfolge von Entscheidungen, ob Sie etwas als relevant oder irrelevant erachten. Das Umfeld ist etwas verschwommen, aber Sie registrieren darin jede Bewegung. Sie lassen sich davon nicht ablenken, sondern entscheiden bewusst aus einer achtsamen Haltung heraus, ob Sie den Fokus auf ein neues Objekt richten oder nicht.

Denken Sie zum Vergleich an den Kegel einer Taschenlampe, den Sie weit öffnen. Sie lassen ihn hier und da etwas absuchen und warten, was da auftaucht. Was aufleuchtet, nehmen Sie wahr, und irgendwann verschwindet das Objekt wieder aus dem Kegel. Das lassen Sie auch so passieren und bewerten es gar nicht.

Wir haben in diesem Kapitel erfahren, wie wir innerhalb einer Multiprojektlandschaft und trotz Reizüberflutung den Blick für Wesentliches schärfen können und Entscheidungen zwischen einer Vielzahl an Optionen treffen können, ohne davon übermannt oder gelähmt zu werden. Aber wir laufen praktisch immer noch den Impulsen hinterher. Im nächsten Kapitel gehen wir noch einen Schritt weiter und fragen uns, wie wir uns auch den nötigen Freiraum sichern können, um bewusste Entscheidungen zu treffen und nicht fremdgesteuert durch den Tag zu laufen.

Neurologischer Exkurs

Wir gewinnen ein besseres Verständnis dafür, wie wir zwischen Fokus beziehungsweise bewusster Präsenz und unserem Autopilotmodus hin- und herschalten, wenn wir unser Gehirn genauer unter die Lupe nehmen. Denn nach dem Neuroleadership-Experten David Rock nehmen wir die Welt auf zweierlei Weise wahr. Unser Hirn hat den Standardmodus (Default network) eingeschaltet, wenn nichts Besonderes passiert, wir in Gedankenschleifen hängen und Routinetätigkeiten ausführen. Dieses Netzwerk ist aktiviert, wenn wir planen, tagträumen und abschweifen. Es ist unser innerer Storyteller, denn das Gehirn verknüpft Information zu möglichst zusammenhängenden Geschichten. An diesem Standardmodus ist nichts falsch, nur müssen wir uns darüber klar sein, dass wir in diesem Modus immer nur durch einen Filter wahrnehmen und wir zu den Sinneseindrücken unsere eigenen Interpretationen spinnen.

Wir wären arg limitiert, wenn unser Gehirn nur in diesem Modus arbeiten würde. Daher haben wir glücklicherweise noch das Direct Experiencing Network, das uns erlaubt, Sinneseindrücke unmittelbar, quasi in Echtzeit wahrzunehmen. Erst in diesem Modus sind wir wirklich mit der Außenwelt eins und präsent. David Rock hierzu: »Experiencing the world through the direct experience network allows you to get closer to the reality of any event. You perceive more information about events occurring around you, as well as more accurate information about these events. Noticing more real-time information makes you more flexible in how you respond to the world. You also become less imprisoned by the past, your habits, expectations or assumptions, and more able to respond to events as they unfold.«

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