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Emotionale Mythen - Was emotionale Intelligenz nicht ist

Markus Hornung

05.07.2018 ·  Mit Goldmans Bestseller "Emotionale Intelligenz" waren Emotionen auf einmal en vouge. Ratgeber, Trainings, Seminare warben damit, die Emotionen mit Intelligenz zu verbinden - für noch mehr Erfolg. Doch die mit dem Hype verbundenen Erwartungen wurden keineswegs erfüllt. Denn in die emotionale Intelligenz wurde Esoterisches, Spirituelles und auch völlig falsches hineininterpretiert.

Markus Hornung

Markus Hornung, Jahrgang 1966, lernte während eines USA-Aufenthaltes 1995 das Konzept der Emotionalen Intelligenz kennen und beschloss 1997, dem Schuldienst Lebwohl zu sagen und sich als Trainer und Berater selbstständig zu machen. Seither beschäftigt er sich ausschließlich mit dem Thema Werte und Emotionen. Er gründete mit zwei Partnerinnen 2003 das Beratungs- und Trainingsunternehmens EQ Dynamics in München und ist seither gefragter Experte und Redner zum Umgang mit Emotionen. » http://www.eqdynamics.de

Mythos 1: Emotionale Intelligenz bedeutet: »Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb!«

Diese offenbar unausrottbare sozialromantische Vorstellung sagt oder fordert nichts anderes, als dass der intelligente Umgang mit Emotionen vor allem in liebe- und harmonievoller Kommunikation besteht. Die Fans dieser Haltung übersehen vollkommen, dass alle Emotionen als Kommunikationssignale dienen. Wenn auch in unterschiedlichen Schwerpunkten. Aber wenn zum Beispiel der Ärger als Emotion der Werteverletzung eine unserer Hauptkommunikationsemotionen ist und dazu dient, unser Wertesystem vor Verletzungen zu schützen, wie wollen Sie dieses Ziel erreichen, wenn Sie ihn nicht kommunizieren? Er muss genau dazu eingesetzt werden, um seinen Zweck zu erfüllen. Dosiert, aber spürbar und in aller Klarheit. Wir werden uns das noch anschauen. Ich bin ein großer Fan eines liebevollen und respektvollen Umgangs und tatsächlich denke ich, dass es davon auf der Welt viel zu wenig gibt. Aber die Vorstellung, dass wir alle in einem rosaroten Glücksbärchi-Universum umherhüpfend wie kleine selige Engelchen ständig lieb zueinander sind, ist einfach unrealistisch. Wir werden akzeptieren müssen, dass auch die unangenehmen Emotionen wie Ärger und Trauer zum Leben gehören. Insbesondere der Ärger hat einen ausgesprochen starken kommunikativen Anteil. Diesen wegwünschen zu wollen, bedeutet, dass enorm wichtige Botschaften alltäglicher Werteverletzungen unter den Teppich gekehrt werden. Auch die Angst gehört zum Leben und hat nichts mit einer sozialromantisch idealen Welt zu tun. Einer meiner Teilnehmer formulierte zu Beginn eines Seminars zum Beispiel den Wunsch, er wolle »in Zukunft ein angstfreies Leben führen«. Auf meine Frage warum, sagte er: »Weil die Angst sich scheiße anfühlt!« Sorry, aber das ist kein Argument dafür, sie zum Teufel zu wünschen. Die Angst muss sich so anfühlen! Dass die Trauer die am meisten unterdrückte und am schwersten zu begegnende Emotion ist, haben wir bereits an anderer Stelle festgestellt.

2: Emotionale Intelligenz ist eine Typologie

Ich betone das hier, weil während der letzten fünfzehn Jahre das Interesse an typologischen Modellen insbesondere in Führung und Vertrieb ausgesprochen stark zugenommen hat und mir bisweilen recht abenteuerliche Ausschreibungen unterschiedlicher Bildungsanbieter in die Hände fallen, in denen unter der offenbar modern anmutenden Überschrift »Emotionale Intelligenz« typologische Modelle vermittelt werden. Die beiden einer breiten Öffentlichkeit bekanntesten Typologien dürften die Astrologie (zwölf Haupttypen, zwölf Untertypen, etliche weitere Faktoren) und das Enneagramm (neun Haupttypen, drei Subtypen) sein. Im Business-Bereich kommen in Deutschland besonders die beiden Vierer-Typologien DISG-Profil und Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI) zum Einsatz. All diese Typologien sind mehr oder weniger wissenschaftliche und mehr oder weniger gelungene Versuche, die Menschen in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit in einzelne unterscheidbare Gruppen mit entsprechenden Eigenschaften, Werteschwerpunkten und Verhaltensvorlieben einzuordnen. Ich selbst habe nichts gegen Typologien. Ich arbeite seit vielen Jahren ausgesprochen erfolgreich mit der TetraMap©, einer optisch und metaphorisch extrem eingängigen neuseeländischen Vierer-Typologie ähnlich dem DISG-Profil und ich habe gute Erfahrungen damit gemacht. Wie bei allen anderen Modellen frage ich hier nicht danach, ob eine Wahrheit abgebildet wird, sondern danach, ob der Versuch gelingt, die uns umgebende Vielfalt – in diesem Fall die Menschen – durch die Typologie sinnvoll zu beschreiben und handhabbar zu machen, ohne übermäßig zu vereinfachen oder zu trivialisieren. Emotionale Intelligenz selbst ist keine Typologie, sondern ein psychologisches Konzept. Es erklärt, wie Emotionen entstehen, wozu sie dienen und wie man sinnvollerweise mit ihnen umgehen kann. Es bietet und fordert aber keinerlei Ein- und Zuordnung der einzelnen Emotionen zu etwaigen Typen.

Mythos 3: Emotionale Intelligenz ist ein moralisches Konzept

Ich habe nichts gegen Moral und Ethik. Was mich bisweilen irritiert, ist der Versuch, aus dem Konzept der Emotionalität die weich gespülte verkopfte Version einer moralischen Weltsicht zu machen. Zitate von Teilnehmern oder gar anderen Trainern wie: »Mit Emotionaler Intelligenz werden wir alle zu besseren Menschen!«, oder: »Wären alle Menschen emotional intelligent, dann hätten wir Frieden auf der Welt!« drücken eine Sehnsucht aus, die offenbar viele Menschen mit diesem Konzept verbinden. Gleichzeitig mit diesem Wunsch wird dann meistens die Forderung laut, die »negativen « Emotionen und unter diesen vorzugsweise den Ärger einfach zurückzuschrauben. Einfach? Dieser Anspruch ist nicht erfüllbar. Die menschliche Emotionalität ist vor allem anderen ein psychologisch-neurologisches Konzept, das bereits vor Hunderttausenden von Jahren als überlebenswichtig »installiert« wurde und das sich seither nicht verändert hat. Der Versuch, Emotionen und deren Auftreten – wie übrigens Gedanken auch – mit moralischen Maßstäben zu messen, erscheint mir jedenfalls nicht natürlich oder realisierbar. Der Gedanke oder die Idee, der Verstand könne durch einfaches Wollen auf diese uralten Reizreaktionsmuster mäßigend einwirken, mag attraktiv sein, ist aber alles andere als realistisch. Emotionen sind einfach da. Sie entstehen ebenso wie unsere Gedanken vollkommen ohne unser bewusstes Zutun und entfalten ihre Wirkung. Einige Emotionen zu diskreditieren oder verbieten zu wollen, ist schlicht nicht möglich und macht auch keinen Sinn. Maximal werden sie verdrängt und Verdrängung hat noch nie dafür gesorgt, dass zutiefst – das heißt, tief im Unterbewusstsein verankerte – menschliche Eigenschaften und Bedürfnisse ihre Wirkung eingebüßt hätten. Ich kann mich an kein Seminar, kein Coaching, kein Training on the Job, keine Supervision, kurz gesagt an keine einzige Situation während meiner Tätigkeit als Trainer und Berater erinnern, in der sich für die Beteiligten die Loslösung von einer belastenden Emotion oder die Erleichterung einer schwierigen Situation dadurch ergeben hätte, dass die vorhandenen Emotionen diskreditiert, verdammt oder gar verboten

wurden. Ich habe im Gegenteil viele Menschen aus genau diesen Gründen handlungsunfähig erlebt, weil die dadurch entstehenden Schuldgefühle und ein damit verbundenes schlechtes Gewissen sie belastet haben. In all den oben genannten Situationen, in denen eine Loslösung erfolgt ist oder sich zumindest angedeutet hat, war der erste Schritt dorthin immer eine Versöhnung mit der vorhandenen Emotion. Verbunden mit einer – ab und zu vom Trainer explizit formulierten – Erlaubnis, diese Emotion haben zu dürfen. Das ist einer der Gründe, warum dem Begriff der Anerkennung eine solche Macht und Bedeutung zukommt und das ist einer der Gründe, warum man den Satz »Die Gedanken sind frei.« ohne Weiteres auf »Die Gedanken und Emotionen sind frei.« erweitern darf.

Mythos 4: Emotionale Intelligenz ist die Lösung aller zwischenmenschlichen Probleme

Wie jede Betrachtungsweise, die menschliches Verhalten neu beleuchtet und erklärt, liefert das Konzept der Emotionalen Intelligenz, aus dem ja Vorschläge zum Umgang mit Emotionen entstehen, viele Ideen, Rezepte und Techniken, mit denen das eigene Leben zufriedener gestaltet und das zwischenmenschliche Miteinander vereinfacht werden kann. Daraus nun zu folgern, dass sich alle zwischenmenschlichen Probleme damit lösen lassen, hieße, die Realität stramm zu verkennen. Ich empfehle insbesondere denjenigen unter meinen Teilnehmern, die nach den Seminaren bisweilen recht hart mit sich ins Gericht gehen (nach dem Motto: »Wenn ich das alles schon vor zwanzig Jahren gewusst hätte, wäre mein Leben anders verlaufen … wäre ich ein besserer Vater gewesen! … wäre meine Beziehung nicht den Bach runtergegangen!«), einen Realitätscheck. Aus meiner Sicht gibt es keine Haltung, keinen Glauben, keine Technik und kein Konzept, das dafür sorgt, dass uns in unserem Leben nicht bisweilen dumme oder gar schlimme Dinge passieren. Ich bin ein begeisterter Anhänger des Konzeptes der Emotionalen Intelligenz, weil dadurch unseren Emotionen als Kommunikationssignalen und Entscheidungsfaktoren der Stellenwert zugewiesen wird, den sie haben

müssen, um ihre Aufgabe zu erfüllen. Emotionale Intelligenz löst aber keinesfalls alle Probleme. Wenn überhaupt, dann erhöht sie nur deutlich die Wahrscheinlichkeit, dass Sie die großen und kleinen emotionalen Herausforderungen in Ihrem Leben in Zukunft etwas erfolgreicher bestehen werden. Nicht mehr aber auch nicht weniger.

Mythos 5: Emotionale Intelligenz ist etwas vollkommen Neues

Ich wurde vor einigen Jahren bei einem Vortrag vom Veranstalter mit den Worten anmoderiert, dass ich mit meinen Ausführungen die Frage klären würde, ob Emotionale Intelligenz alter Wein in neuen Schläuchen sei. Daraufhin betrat ich die Bühne, sprach die Worte »Emotionale Intelligenz ist alter Wein in neuen Schläuchen!«, ging zurück zu meinem Platz und setzte mich zum blanken Entsetzen des Veranstalters wieder hin. Keine Angst, ich habe ihn nicht allzu lange zappeln lassen, denn da ich für sechzig Minuten bezahlt worden war, ging ich nach einigen Sekunden zurück auf die Bühne. Selbstverständlich gibt es zu unserem Thema immer noch genügend zu sagen. Es wäre allerdings vermessen, zu behaupten, dass alles, was mit diesem Begriff beschrieben wird, neu ist. Die meisten Ideen zum intelligenten Umgang mit Emotionen wurden von den griechischen Philosophen vor knapp zweitausend Jahren bereits formuliert und beinahe alles, was wir heute unter emotionaler Selbstverantwortung verstehen, hat, wenn man den alten Schriften Glauben schenken darf, ein Sozialrevolutionär namens Siddhartha Gautama als Buddha bereits im fünften vorchristlichen Jahrhundert gelehrt. Das wirklich Spannende an einer modernen Beschäftigung mit diesem Thema ist die Tatsache, dass die kognitiven Neurowissenschaften mit ihren bildgebenden Verfahren viele der damals getroffenen Vorannahmen heute wissenschaftlich knallhart bestätigen und diese so vom bisweilen diskreditierten Nebel esoterischer oder religiöser Glaubenssysteme befreien. Wirklich neu ist die Idee, dass Menschen Emotionen haben und dass diese Emotionen zur Kommunikation und als Entscheidungs- beziehungsweise Motivationsfaktoren dienen, also keinesfalls. Aber offenbar werden die daraus erwachsenden Konsequenzen heute, da diese Annahmen wissenschaftlich als gesichert gelten können, leichter geglaubt und akzeptiert. Mythos 6: Emotionale Intelligenz ist ein Soft Skill Für mich ein wirklicher Aufreger und beinahe eine Beleidigung. Einerseits bedeutet diese Einordnung, dass die entsprechenden Fähigkeiten psychodiagnostisch weich, also wenig valide, messbar sind. Andererseits wird damit der Eindruck erweckt, dass es sich um ein Nice-to-have handelt, eine Fähigkeit, auf die man im Gegensatz zur Fachkompetenz ohne Weiteres verzichten kann. Wir gehen immer noch davon aus, dass Projekte, Pläne und Beziehungen an sogenannten harten Faktoren scheitern. Beides ist kompletter Blödsinn. Zum einen liegen heute zu fast jeder der sogenannten weichen Kompetenzen psychodiagnostisch valide Testverfahren vor und zum anderen weiß jeder, der schon einmal ernsthaft versucht hat, an sich und mit anderen emotional zu arbeiten, dass dies weitaus anstrengender und aufreibender sein kann, als sich sogenannte Hard Facts wie zum Beispiel Steuerrecht beizubringen. Projekte scheitern niemals an harten Fakten, sondern immer an schwierigen menschlichen Beziehungen und dummen Entscheidungen!

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