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Geht es auch etwas langsamer

Oliver Groß

02.12.2010 ·  Es ist schon ein wenig merkwürdig, aber seit es das Zeitmanagement gibt, hat keiner mehr Zeit – trotz oder wegen des Zeitmanagements? Es scheint auch, als ob wir mit der Zeit immer weniger mithalten können oder anders: Wie schnell darf das Leben noch werden - oder geht es sogar langsamer?

Oliver Groß

„Dann fahre ich die nächsten 40 Jahre auf demselben Gleis!“ Eine Erkenntnis, die Oliver Groß den Karriere-Kick brachte. Mit nur 22 Jahren wurde er Mitglied der Geschäftsleitung, übernahm Verantwortung für 350 Mitarbeiter und studierte nebenbei Kommunikationspsychologie und Philosophie. In dieser Zeit begann er auch, mit Notizbüchern zu experimentieren und stellte fest, dass diese unscheinbaren Helfer Großes bewirken: Sie helfen Lösungen und Auswege zu finden und eröffnen sogar ganz neue Perspektiven - die Geburtsstunde der NOTIZBUCH-STRATEGIE.  » http://www.rhetorikhaus.de/

Nein, ich will die Vergangenheit nicht als „die gute alte Zeit“ in den Klee loben und ihr nachtrauern. Doch will ich die Idee „Bewährtes soll man bewahren und Unbewährtes eliminieren“ nicht aus dem Auge verlieren.


Ich erinnere für einen Augenblick an die Zeiten, in denen wir eine andere Geschwindigkeit erlebten. Wir warfen am Montag einen Brief in den Postkasten, der in der Regel dann am Mittwoch beim Absender war. Dieser bearbeitete ihn natürlich sofort und warf die Antwort wiederum am Mittwochabend in den Briefkasten, sodass ich das Antwortschreiben am Freitag in den Händen hielt. Oder so etwas Banales wie eine Verabredung. Telefon in die Hand genommen und den Freund oder die Freundin angerufen. Niemand, noch nicht einmal ein Anrufbeantworter, nahm ab, was uns zu der großartigen Schlussfolgerung brachte, dass der Angerufene scheinbar nicht zu Hause sei. Nächster Versuch, zwei Stunden später – besetzt! Aha, der Freund oder die Freundin scheint zu Hause zu sein, doch er/sie telefoniert. Nach ein paar Versuchen dann endlich die ersehnte Stimme.

Und heute? Wenn der Angerufene sich nicht sofort meldet werden wir im günstigsten Fall nervös und im weniger günstigen Fall machen wir Vorwürfe und Vorhaltungen. Zumindest erwarten wir einen Anrufbeantworter, der uns das Versprechen gibt: „Ich werde Sie so bald als möglich (was immer das heißen mag) zurückrufen:“ Von Brief und E-Mail will ich erst gar nicht reden. Natürlich werden sie aufs Handy umgeleitet, was man gut an den skurrilen Gesten des Gegenübers bei einem Gespräch sehen kann.

Das Mythos Multitasking

Nicht wenige glauben, dass der Mensch genauso multitaskingfähig sein muss, wie sein Handy, sein iPod oder PC. So wird die sog. Erfolgsformel „Ein erfolgreicher Mensch muss multitaskingfähig sein“ für viele zu einem Ziel, dem sie mit äußerster Schnelligkeit hinterherhasten.. Ja, sie führte sogar zu der absurden Behauptung, dass Frauen multitaskingfähiger sind als Männer, was genauso Unfug ist wie das Märchen, dass Frauen mehr Worte am Tag sprechen als Männer. Ja, Schnelligkeit in der Informationswelt kann auch zu Unsinn führen.

Einer der führenden deutschen Hirnforscher und Professor für medizinische Psychologie, Ernst Pöppel, meint dazu: Der Mensch ist naturgemäß gar nicht zum Multitasking geboren. In seinen Veröffentlichungen weist er darauf hin, dass es dem Menschen gar nicht möglich ist, mehrere Dinge auf einmal zu tun, weil es immer nur einen Bewusstseinsinhalt geben könne.

Andere Untersuchungen wie z.B. die der Universität Michigan gehen sogar davon aus, dass eine Mehrfachbelastung ein echtes Dilemma im Gehirn auslöst. Das hat sogar zur Folge, dass im Grunde Zeit verloren geht, also das genaue Gegenteil von dem geschieht, was man meint gewonnen zu haben.

War das schon immer so?

Ja, nur hatten wir damals ein anderes Zeitverständnis. Doch aufgepasst, auch vor 20, 30 und 40 Jahren und noch länger zurück, gab es immer Stimmen, die der Auffassung waren, dass die Menschen in einer Hetze leben, denn DAMALS, also noch FRÜHER ging es noch LANGSAMER zu.


Es wäre also falsch die Schnelligkeit der jeweiligen Zeit als solches zu kritisieren, denn das scheint der Lauf der Welt zu sein, zumindest seit der Erfindung des Rades, der Dampfkraft und der Elektrizität. Ebenso falsch wäre es aber auch, es einfach weiterlaufen zu lassen. Erlaubt muss die Frage sein: Wie schnell darf das Leben noch werden oder müssen wir schon bremsen?

Immer erst die Vorteile

Bei dem Versuch einer kritischen Betrachtung ist es nur fair und eben auch sinnvoll, die Vorteile und das Positive an einer Sache zu benennen. Wie oft schon hat ein Handy Leben gerettet. Das Internet mit all seinen Möglichkeiten hat viel zur Aufklärung beigetragen, wir erfahren über Missstände und Ungerechtigkeiten in der ganzen Welt und können sogar Einfluss nehmen. Wie hilfreich sind die neuen Medien bisher gewesen, wenn es um Hilfe für selbst entlegendste Gebiete ging. Die Medien haben in vielen Fällen tatsächlich der Menschheit und damit auch dem Einzelnen gute Dienste erwiesen.

Das sind ernorme Vorteile, auf die man heute nicht mehr verzichten will, was auch sehr unklug wäre. Und doch gibt es etwas, was auf Dauer gesehen weder gesund noch vernünftig ist – nämlich Hetze, Hast und Eile, die puren Stress hervorrufen.

Warum eilen und hetzen wir so?

Sind es gar nicht die Medien und technischen Möglichkeiten, die Schnelligkeit, Hast und Eile produzieren? Sind wir es etwa selbst? Was lässt uns von einem Termin zum anderen hetzen, was bringt uns dazu permanent erreichbar sein zu müssen und warum werden wir unruhig, wenn das Internet oder das Handy mal nicht klingelt. Ist es die Angst, etwas zu versäumen?

Aber was ist das für eine Angst und wer schürt sie? Die Angst davor zu spät reagieren und agieren zu können oder etwas nicht mitzubekommen, nährt sich aus einem Mangel und aus Unsicherheit. Wir haben das Gefühl wer nicht schnell genug ist, wird zum Schluss der Verlierer sein und genau das scheint das Schlüsselwort zu sein „Verlierer“. Immer wenn es um Geschwindigkeit und Schnelligkeit geht, ist der Begriff des „Verlierers“ nicht weit. Wer ist daran schuld, wer schürt diese Angst?

Wie schnell (wieder einmal) sind wir auch hier mit Antworten parat. Die Medien, die Unternehmen, das Kapital, der Chef, der Staat, die Meinungsmacher usw. Doch ist das wirklich so?

Jeder gegen jeden

Schnelligkeit und Schnelllebigkeit als reines Machtinstrument zu deklarieren oder alleine den Medien in die Schuhe zu schieben, ist zu einfach und entspricht auch nicht einem vollständigen Bild. Nein, da müssen wir uns auch an die eigene Nase fassen. Klingt komisch, ist aber so!


Will man sich nämlich ganz ehrlich einer Antwort nähern, so müssen wir feststellen, das, wir unter dieser Schnelligkeit stöhnen, uns aber dennoch gegenseitig beschleunigen - obwohl es schon paradox klingt. „Wie, du twitterst nicht“? „Warum warst du auf dem Handy nicht erreichbar“? „Deine Antworten auf meine E-Mail dauern ja ewig“ oder „Du musst dich schnell entscheiden, sonst gibt es nichts mehr“ usw. Es wird der perfekte Umgang – was immer auch das heißen mag – mit den neuen Medien erwartet. Die Gefahren des Perfektionismus liegen aber darin, sich in Nebensächlichkeiten zu verzetteln und Wesentliches zu übersehen.

Mit einem Tagebuch entschleunigen

Was Schnelligkeit ermöglicht, kann zugleich der Weg zur Entschleunigung sein – schon wieder ein Widerspruch! Natürlich ist jeder Mensch anders und auch die Berufe und deren Anforderungen sind unterschiedlich und doch gibt es Wege der Entschleunigung.

Machen Sie mit einem Tagebuch und ein paar Fragen einen Versuch. Dabei lässt sich schnell herausfinden, was einem wesentlich und wichtig ist, auf was verzichtet werden kann und wie Sie neue Wege der Entschleunigung finden oder neue Freiräume gewinnen.

Nehmen wir eine einfache Möglichkeit, z. B. feste Zeiten zum Beantworten von E-Mails einzuplanen, sagen wir mal 2x am Tag. Das heißt, jede Arbeit hat seinen festen Platz oder anders gesagt: eins nach dem anderen. Das ist keine Gemütlichkeit, sondern höchst effektiv, weil permanente Mehrfachbelastung sowohl gesundheitliche als auch ökonomische Folgen hat und fast 25 % der Arbeitszeit durch unstrukturierte Tagesplanung verloren geht.

Wie die Themen, so vielschichtig ist der Fragekatalog, doch könnten die Fragen so aussehen:

Grundsätzliches

Was ist mir wichtig, was ich jeden Tag berücksichtigen möchte? (z. B. „ jeden Tag 30 Minuten Freiraum für meine Mitarbeiter…).

Tatsächliches

Wie habe ich meinen Versuch erlebt? Habe ich etwas vermisst? Habe ich wirklich Nachteile erlebt? Welche Nachteile waren das? Kann man diese ausräumen?

Erforderliches

Was kann ich noch tun, um zu entschleunigen, wo gibt es noch Zeitfresser? Was kann ich tun, um meine Entschleunigung zu optimieren?

Mögliches

Wer kann mich bei meinem Versuch unterstützen (z. B. erinnern, wenn es wieder mal stressig wird?) Welche Möglichkeiten haben sich mir aufgetan? Was für Vorteile habe ich erfahren?

Fazit

Ich erinnere mich noch ganz genau, wie nervös ich war, als ich beschloss meine E-Mails nur noch 2x am Tag abzurufen. War das ein Stress! Doch so wie man sich an Schnelligkeit gewöhnen kann, ist auch die Entschleunigung wieder erlernbar. Mittlerweile habe ich mein Handy zu 90% auf lautlos und bestimme, wann ich schaue wer mich erreichen wollte. Natürlich rufe ich zurück, aber dann wenn ich mich wirklich auf das Gespräch konzentrieren kann. Meine E-Mails rufe ich meist sogar nur noch 1x am Tag ab und siehe da – es geht. Mir wurde klar, jeder ist Herr über seine Stand by, Lautlos- oder Austasten.

Nicht die Möglichkeiten bereiten uns Stress, sondern der Umgang damit. Wenn wir nicht beginnen uns damit bewusst auseinanderzusetzen, uns selbst Grenzen zu stecken und Zeit als einen kostbaren Wert anzuerkennen, werden wir schnell Sklave der Errungenschaften und damit unfrei! Die Frage ob es in Zukunft noch schneller gehen wird/kann, lässt sich leicht beantworten.

Daten der Krankenkassen zeigen eine extreme Zunahme von Burn-out-Syndromen vor allem bei Menschen zwischen 30 und 50, die auf der Höhe ihrer körperlichen Kräfte stehen und ihre Leistungsfähigkeit und Belastbarkeit viele Jahre bewiesen haben. Auch für Unternehmen ist diese Entwicklung alles andere als vorteilhaft, denn es entsteht ein jährlicher wirtschaftlicher Gesamtschaden von 26,7 Milliarden Euro, der durch die neue Volkskrankheit “Burn-out” nach Berechnungen des statistischen Bundesamtes im Jahre 2006 entstanden ist. Das heißt in der Praxis, das 9,3 Prozent aller Fehltage auf das Burn-out-Syndrom zurückgehen.

Wie schnell darf oder kann das Leben noch werden? Oder wann siegt die Vernunft, gepaart mit Lebensglück?

Ein Versuch über 5 Tage kann schon viel bewirken. Erfahren kann man das aber nur, wenn man es versucht. Schreiben Sie mir, was Sie erlebt haben, ich freue mich auf Ihre Erlebnisse.

 

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