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Humor ist (k)eine ernste Sache

Dr. Jens Kegel

03.03.2011 ·  Humor ist individuell und kulturell verschieden, er besitzt eine große Bandbreite und wird oft missverstanden. Trotzdem ist er immens wichtig, gerade in Redesituationen.

Dr. Jens Kegel

Dr. Jens Kegel, Ghostwriter, Texter und Autor, arbeitet als Rede-Coach und Berater für „Verbale Unternehmenskommunikation“ in Berlin. In der von ihm gegründeten Akademie Text® gibt er seine Erfahrungen in Seminaren weiter, die genau auf die jeweiligen Zielgruppen ausgerichtet sind. » http://www.jens-kegel.de

Betrachten wir zunächst, was in den Körpern geschieht. Wenn Menschen lachen, dann hat dies positive Folgen. Sie atmen intensiver. Zugleich erhöht sich der Pulsschlag, die Muskeln entspannen sich und das Herz schlägt schneller. Im Endeffekt führen Lachende ihrem Körper also mehr Sauerstoff zu. Lachen stärkt zudem das Immunsystem und schützt dadurch langfristig vor Krankheiten, weshalb in der Regel Pessimisten leichter erkranken als Optimisten.

Beim Lachen werden körpereigene Opioide (Endorphine) ausgeschüttet, die wiederum für Glückszustände und leichte Euphorie sorgen und die Stimmung generell positiv beeinflussen. Parallel nimmt die Zahl der Stresshormone im Blut ab, Spannungszustände lösen sich auf, Entspannung setzt ein. Dies bezieht sich sowohl auf den Körper als auch – im übertragenen Sinne – auf die Psyche. Bereits hier ist zu erkennen, wie bedeutsam Humor in einer Redesituation ist.

Unterschiede gibt es – wie bei anderen Kommunikations-Situationen auch – zwischen Männern und Frauen. Während Männer gemäß ihrer Denkweise eher über Sachverhalte lachen, welche die rechte Hirnhemisphäre betreffen, lachen Frauen eher über solche der linken. Männer lachen über Dinge, welche auf Fakten, Daten, Schlussfolgerungen beruhen, Frauen eher über Beziehungen und Menschliches.

Ein Experiment, welches mit Studenten durchgeführt wurde, zeigt, dass Humor noch weit mehr kann, als uns zu entspannen und für gute Laune zu sorgen. Studenten bekamen Streichhölzer, eine Kerze und eine Schachtel Reißzwecken. Mit diesen Utensilien sollten sie die Kerze so an einer Korkwand befestigen, dass kein Wachs heruntertropft. Eine Gruppe löste die Aufgabe dreimal häufiger erfolgreich und kreativer als eine andere. Warum? Sie hatte zuvor einen Comic-Film gesehen, die andere Studenten-Gruppe einen Film über Erziehung. Wer also besserer Laune ist, kann kreativer denken und darum auch handeln. Mit anderen, metaphorischen Worten: Der Geist lockert sich auf und wird durchlässig für ungewöhnliche Ideen (vgl. Rost 2001: S. 429).

Im Zusammenhang mit einer Redesituation ist nicht zu unterschätzen, dass eine unsichtbare Barriere zwischen der Gruppe der Zuhörer und dem Redner als Einzelkämpfer besteht (vgl. Kapitel 2). Wenn Menschen gemeinsam lachen, bildet sich jedoch ein positives Gruppengefühl heraus, das den Redner mit einschließt. Mit den Worten der Soziologen: Der Redner wird Teil der in-group der Zuhörer, was eine nicht zu unterschätzende Basis für gelingende Argumentation ist. In Gruppen gewinnt Lachen darüber hinaus eine gewisse Eigendynamik, es pflanzt sich also fast von allein fort, was unter anderem dazu führt, dass rationale Überlegungen (und damit auch Gegenreaktionen) abgeschwächt werden. Dies wiederum kann der Redner nutzen. Vor allem US-Amerikaner wissen dies. Vor ihrer eigentlichen Rede oder am Beginn machen Sie einen Scherz, um Spannungen abzubauen, ein Wir-Gefühl und insgesamt eine positive Stimmung zu erzeugen. Barack Obama hat sich in seiner Berlin-Rede am 24. Juli 2008 gleich im zweiten Satz selbst leicht ironisiert:

„Ich spreche zu Ihnen nicht als Kandidat, sondern als Bürger – ein stolzer Bürger der USA, und ein brüderlicher Weltbürger. Mir ist klar, dass ich nicht so aussehe wie die Amerikaner, die vor mir in dieser Stadt gesprochen haben. […]“

Obama reagiert mit diesem einen Satz auf mehrere Sachverhalte gleichzeitig, die auch noch miteinander verbunden sind: Im Gegensatz zu Kennedy (sprach 1963 vor dem Schöneberger Rathaus) und Reagan (sprach 1987 vor dem Brandenburger Tor) ist er nicht weiß und (noch) kein Präsident. Im Vorfeld gab es in diesem Kontext heftige Auseinandersetzungen um den Ort der Rede. Ein schwarzer Präsidentschafts-Kandidat inszeniert sich also als Pop-Star vor der „Siegessäule“, die sowohl positiv (Sieg) als auch negativ (es geht um mehrere Kriege im 18. Jahrhundert) gesehen wird. Verstärkt wird die scherzhafte Bemerkung durch die „Fallhöhe“ zum ersten Satz, weil jener weltmännisch daherkommt und ein gewichtigeres Vokabular als der zweite verwendet.

Lächeln, Schmunzeln oder Lachen können noch mehr. Wenn die Zuhörer gute Laune haben, nehmen sie Informationen leichter, schneller und insgesamt positiver auf. Im Normalfall bedeutet das: Die Botschaft des Redners ist eingängiger, wird schneller und vor allem dauerhafter verarbeitet. Im besonderen Fall heißt das aber auch: Der Redner kann Wahrheiten sagen, die er ansonsten den Hörern nicht zumuten würde (der Hofnarr besaß dieses Privileg) oder die er einfach verschweigen müsste: „Als Vorteile von Humor werden intellektuelle Stimulation und soziale Anerkennung genannt […] und daß er sich dazu eignet, Dinge zu sagen, die man nicht direkt aussprechen kann, ohne das Risiko einzugehen, als geschmacklos oder taktlos zu erscheinen […]. Dies gilt besonders für Tabubereiche wie gesetzliche Verbote und soziale Sanktionen“ (Koeppler 2000: 467).

Die Volksweisheit „Mit Humor ist alles leichter zu ertragen“ trifft also voll und ganz zu. Die Frage ist nur, wie?

Humor, egal in welcher Facette, funktioniert nach einem grundlegenden Prinzip. Am Anfang steht eine Situation, ein Fakt, eine Behauptung. Die Comedy-Industrie arbeitet hier bewusst mit Klischees, um eine Vielzahl von Assoziationen aufzurufen und möglichst alle Hörer auf eine Fährte zu locken. Anfangs werden die Erwartungen der Hörer auch bestätigt, im letzten Moment jedoch gebrochen. Dies kann dadurch geschehen, dass ein Nebenaspekt ins Zentrum gerückt oder eine unvermutete Lösung präsentiert wird.

Sehen wir uns zwei Witze an:

„Stolz sitzt der frisch ernannte Abteilungsleiter in seinem neu eingerichteten Büro. Als ein junger Mann sein Büro betritt, greift er zum Telefon: ‚Aber ja, Herr Direktor, wirklich ein reizender Abend gestern bei Ihnen, Herr Direktor, aber ja, bis dann.’ Er hängt wieder ein, wendet sich an den Besucher: ‚Was kann ich für Sie tun?’ ‚Nichts, ich will nur das Telefon anschließen!’“

 

„Ein Mann kommt in die Apotheke und fragt: ‚Haben Sie etwas Zucker?’ Der Apotheker geht nach hinten und kommt mit einem Beutel Zucker wieder. ‚Haben Sie vielleicht auch einen Löffel?’, fragt der Mann. Der Apotheker langt unter die Theke und holt einen Löffel hervor. Der Mann holt einen Löffel voll Zucker aus dem Beutel, zieht ein kleines Fläschchen aus der Tasche und träufelt vorsichtig zwanzig Tropfen auf den Zucker. ‚Probieren Sie doch mal’, sagt er zum Apotheker. Der probiert den beträufelten Zucker und fragt: ‚Und was soll das jetzt bedeuten?’ ‚Ach, nichts weiter, mein Arzt hat zu mir gesagt: Gehen Sie in die Apotheke und lassen Sie Ihren Urin auf Zucker testen.’“

In beiden Witzen wird gleich im ersten Satz eine typische Situation (script), die handelnden Personen und der Rahmen genannt (Büro, Abteilungsleiter bzw. Apotheke, Kunde). Bis zum letzten Satz wird die Handlung so beschrieben, dass der Hörer gedanklich auf dem üblichen Gleis der erwartbaren Handlungen bleibt. Erst im letzten Moment wird die Erwartung rapide und unerwartet gebrochen. Um im Bild zu bleiben: Kurz vor dem Prellbock wird der Redner auf ein anderes Gleis geleitet. Entscheidend ist, dass dies auch wirklich im letztmöglichen Moment geschieht. 

Diese Vorgehensweise können Redner nutzen, auch wenn nicht immer der Schenkelklopfer dabei herauskommt. In den meisten Fällen ist es sogar ratsam, wenn die Zuhörer lediglich schmunzeln oder lächeln, denn das Auditorium ist zumeist sehr inhomogen zusammengesetzt. Und manch einer versteht halt keinen Spaß.

Roman Herzog, 08.07.1997: „[…] Einerseits kann der Bundespräsident, so wie unsere Verfassung sein Amt nun einmal ausgestaltet hat, wenn überhaupt, nur durch Reden politisch wirken. Andererseits müßte er aber, ebenfalls streng nach dem Grundgesetz, überhaupt keine einzige Rede halten, um seine verfassungsmäßigen Aufgaben zu erfüllen. Ich – um es nun in der ersten Person zu sagen – müßte weder hier, zum Jubiläum der Rhetorik in Tübingen, reden noch überhaupt irgendwo, und wäre trotzdem meinen Pflichten nicht untreu. Ich könnte – jetzt ganz extrem gesprochen – fünf Jahre im Schloß Bellevue oder in der Villa Hammerschmidt sitzen, Bundeskanzler, Minister und höhere Beamte ernennen, Botschafter empfangen, Gesetze unterzeichnen, Ordensverleihungen aussprechen, mich durch meinen Staatssekretär über die Kabinettsitzungen unterrichten lassen und ansonsten den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. […]“ (www.bundespraesident.de)

Rede zum Ruhestand: „Meine Frau hat zu mir gesagt: Heute ist dein großer Tag, bind dir eine Krawatte um. Hab ich dann auch gemacht. (zeigt die Krawatte am Knie.) […]“

Hochzeitsrede: „Was kommt dabei raus, wenn sich Gegensätze anziehen? Zuerst einmal müssen sie sich ausziehen. Und dann kommt Marie. […]“

Das nächste Beispiel stammt aus der Rede von Guido Westerwelle zur „Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst“ vom 19.01.2008. Es ist nur eines von vielen aus der Rede, die alle – gekonnt und sehr gut gemacht – aktuelle Politik zu Witzen verwursten. Auch hier wird deutlich, dass der Bruch des Erwartbaren erst im letztmöglichen Moment erfolgt:

„Die Angela Merkel wollte eigentlich die Regierungsarbeit transparenter machen. Ihr Plan war: Die Koalitionsrunde wird ins Internet übertragen. Das hat Ursula von der Leyen nicht mitgemacht. Als Jugendministerin war sie entschieden gegen noch mehr Gewalt im Internet. […]“ (www.guido-westerwelle.de)

Ironie unter Vorbehalt

Entsprechend allgemein anerkannter Definition ist Ironie dann gegeben, wenn das Gegenteil vom Gemeinten gesagt wird. Im Grunde wendet sich der Redner damit bewusst gegen die Forderung der Rhetorik nach Klarheit der Aussage (perspicuitas). Er widerspricht aber auch einer der von Grice aufgestellten Konversationsmaximen, welche dieser als Basis für kooperatives (sprachliches) Handeln postuliert hat. Sprecher sollen demnach ihre Inhalte in angemessener Art und Weise und möglichst klar und eindeutig ausdrücken (vgl. Linke/Nussbaumer/Portmann 1996: 199).

Warum also sollten Redner dann überhaupt ironisch reden, wenn sie damit gegen zwei Grundsätze für angemessenes und erfolgreiches Sprechen verstoßen? Weil ironisches Sprechen die Zuhörer aufgrund seines Wesens zum Mitdenken animiert, ja geradezu zwingt. Um dies zu garantieren, muss mindestens eins, besser, müssen mehrere Ironie-Signale vorhanden sein, damit die Zuhörer die Äußerung auch wirklich im gegenteiligen Sinne verstehen. Anders als bei Texten, die gelesen werden, gibt uns allein die Rede-Situation schon mehrere Möglichkeiten an die Hand, die das Verstehen des gegenteilig Gemeinten erleichtern. Ironie wird aus dem Kontext der Äußerung ersichtlich, aus der Diskrepanz zwischen dem Sprecher und dem Gesagten, aus dem Wissen der Zuhörer über die Hintergründe. Zugleich hat der Sprecher mehrere phonetische Möglichkeiten, Ironie als solche zu kennzeichnen: Tonhöhenverlauf, Tempo, Akzentuierung, Sprachfärbung, Lautstärke …

Im Alltag ist Ironie meist dann anzutreffen, wenn drastischere Ausdrucksmittel oder Reaktionen vermieden werden sollen. Der Sohn kommt mit schmutziger Hose nach Hause. Die Reaktion der Mutter: „Du siehst ja wieder toll aus!“. In der Firma hat der Mitarbeiter vergessen, den Beamer zu besorgen. Die Reaktion des Chefs: „Na, dafür wird uns der Kunde aber lieben.“ Allein an diesen zwei Beispielen wird deutlich, wie wichtig die sogenannten Partikeln sind. Es handelt sich dabei um kleine Wörter, von denen der „Stil-Papst“ Ludwig Reiners behauptet, sie wimmeln wie „Läuse in dem Pelz unserer Sprache“ (Reiners 1991: 241 f.). Das Gegenteil ist richtig, denn Partikeln sind wichtig. Und was sich reimt, ist gut.

Wörtchen wie ja, halt, eben, doch, freilich, schon … haben eine ganz besondere Aufgabe. Sie zeigen dem Hörer, welche Einstellung der Sprecher zum Satz hat. Im Fall des ironischen Sprechens stellen sie also ein wichtiges textinternes Mittel dar, damit der Hörer Ironie sicher als solche erkennt. Es macht eben (dieser Satz hat tendenziell ohne „eben“ auch eine andere Bedeutung) einen Unterschied, ob ich sage: „Dann mach ich es halt allein“. oder „Dann mach ich es allein“. Die Bedeutung für den Hörer ist eine andere, wenn der Satz lautet: „Geh zu deiner Mutter“ Oder „Geh doch zu deiner Mutter“. Bei der zweiten Variante sind Wut, Trauer und vielleicht verletzte Gefühle im Spiel, der erste ist neutral.

 

Im Fall ironischen Sprechens denken Sie bitte an die vielen Partikeln. Auch sonst dürfen und sollten sie die kleinen Wörtchen immer verwenden, denn sie geben dem Text nicht nur zusätzliche Inhalte, sie offenbaren nicht nur die Einstellung des Sprechers zum Gesagten, sie verleihen unserem Text auch umgangssprachliche Züge. Und das ist es ja eben halt doch auch, was wir wollen: Nähe zur Umgangssprache, Positionierung des Sprechers, unterschwellige Inhalte.

Guido Westerwelle, 24.11.2004: „[…] Sie (Bundeskanzler) offenbaren an dieser Stelle ein bemerkenswertes Selbstverständnis. Es erinnert ein wenig an den Absolutismus. Ludwig XIV. hat gerufen: ‚L’état c’est moi.’ Das bedeutet: Der Staat bin ich. Ich warte darauf, dass Sie sich jetzt eine gepuderte Perücke aufsetzen. […]“ (www.guido-westerwelle.de)

Vorstand in seiner letzten Rede: „Ich hasse es, morgens liegen zu bleiben. Die schönen Dinge des Alltags werden mir fehlen: Handy, Computer, Termine, Meetings. Ja, auch die Nachtschichten. Ich werde sie schmerzlich vermissen, die Augenringe und Magenschmerzen, die Tage, an denen aber auch alles schief geht. Mit Steinen werde ich sie bewerfen, die zwitschernden Vögel in meinem Garten […].“

Ein letzter, aber wichtiger Hinweis noch zur Ironie. Unter Journalisten kursiert ein Satz, der Beachtung verdient: „Ironie verstehen Leser nie.“ Dieses Pauschal-Verdikt trifft für diese spezielle Kommunikations-Situation zu, weil die Journalisten a) ihre Leser nicht kennen, b) die Rezeptions-Situation nicht voraussehen und c) keine zusätzlichen para- und nonverbalen Ironiesignale senden können. Bei einer Rede ist die Situation anders. Der Redner weiß, wer vor ihm sitzt, er kennt die Situation und kann zusätzliche Signale senden, damit auch der letzte Zuhörer versteht: ‚Es ist das Gegenteil vom Gesagten gemeint.’ Wenn jedoch Zweifel daran aufkommen, dass Ironie von allen verstanden werden kann, oder der Anlass zu gewichtig ist, um ein Risiko einzugehen, sollte ironisches Sprechen sicherheitshalber unterbleiben.

Zum hoffentlich glorreichen Abschluss eine komplette Rede Loriots aus dem Jahr 2000. Ihm wurde der „Deutsche Videopreis“ verliehen, worauf er in seiner ihm eigenen Art und Weise reagiert. Einige Kommentare in Klammern:

„Moooment … Meine sehr verehrten Damen und Herren! (Das Lachen im Hintergrund beweist, dass der Kontext, das Image des Redners und die Erwartungen der Zuhörer von großer Bedeutung sind. Die Zuhörer wissen: Hier kann nur etwas Lustiges kommen. Demnach betrachten einige Zuhörer bereits die völlig übliche Anrede ironisch und lachen.)

Unser erster Dank gilt Herrn Dr. Karasek für seine Worte, die so angenehm zutreffend waren. (Ironie durch indirektes Eigen-Lob, was bei einem solchen Anlass nicht opportun erscheint) Dank auch der Jury des Deutschen Videopreises und allen, die aus Bescheidenheit nicht genannt sein möchten. Die Warner Home Video, unseren Produzenten, und vor allem: Unseren Eltern und Großeltern. (witzig einerseits, weil Loriot selbst jenseits der 70 ist, andererseits, weil das Nennen der nahen Verwandten Praxis bei Verleihung von Medienpreisen in den USA ist)

Werfen wir einen Blick zurück und halten wir uns vor Augen, wie hilflos der Mensch noch bis vor wenigen Jahren vor einem Problem kapitulierte, das ihm teils das Gesetz, teils bürgerliches Brauchtum aufgebürdet hatte – die tägliche abendliche Freizeit. (Auflösung des Spannungsbogens am Ende des Satzes) Diese, nach getaner Arbeit einsetzende häusliche Haftstrafe erlaubte wahlweise zwei Blickrichtungen: auf das eingeschaltete Fernsehgerät oder auf den Lebensgefährten. Da beim Anblick des letzteren auf die Dauer eine gewisse Eintönigkeit nicht zu leugnen war, blieb nur das Fernsehprogramm, dessen zunehmender Qualitätsabfall die ratlosen Menschen scharenweise aus ihrer häuslichen Geborgenheit in die Kinos trieb. (Humor resultiert – wie so oft bei Loriot – aus der „Fallhöhe“ zwischen Inhalt und bürokratisch anmutendem Sprachstil) So werden wir denn heute belohnt mit einem nackten Mann, der ohne erkennbare Einnahme von Potenz steigernden Drogen immerhin eine VHS-Kassette zur Hochstrecke bringt. (Witz resultiert aus der nicht erwartbaren Beschreibung der Preis-Figur) Das wird uns Ansporn sein, uns nun dem neuesten Medium nicht länger zu verschließen, der DVD. Denn die DVD oder kurz, die Digital Versatile Disc, wie sich die Scheibe scherzhaft nennt, hat im Bereich von MPEG 1 und MPEG 2 Audio eine Sample-Frequenz von 48 KHz. Und die minimale Bitrate beider Systeme liegt bei 32 Kilobit pro Sekunde. Das Maximum beträgt bei MPEG 1 384 KBit pro Sekunde, bei MPEG 2 sogar 912. (Humor durch deplatziertes Nennen der technischen Daten, sowohl kontextuell als auch inhaltlich und in Bezug auf den Sprecher, zugleich Übertreibung) Wen das nicht überzeugt, dem ist einfach nicht zu helfen. Jedenfalls hat mir das mein Enkel gesagt. Guten Abend.“ (Loriot: 2005)

 

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