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Logik für Patienten?

22.02.2018 ·  Das wir uns über Diagnosen, Krankheiten und Threapiemöglichkeiten selbst informieren ist alltäglich geworden. Eine feine Sache, nur nicht ganz ungefährlich. Neben skurrielen Einzelerfahrungen stoßen wir auch immer auf Zahlen und Statistiken zu "Risiken und Nebenwirkungen". Und die haben es in sich und führen selbst so manchen Arzt oder Apotheker aufs Glatteis.

Der Diplom-Psychologe Heinz Jiranek arbeitet seit über 30 Jahren als Coach. Kommunikation und Führung sind seine Themen. Dabei fokussiert er immer auf die Wirkung, nicht auf das Rezept. Denn die schnelle Lösung ist ihm suspekt. Sie liefert nur eine Schein-Sicherheit. Eine Erkenntnis aus seiner beruflichen Herkunft als Therapeut, die ihn bis heute begleitet.  » http://www.jiranek.de

Patienten haben nicht Medizin studiert, und daher ist es für sie schwierig die Qualität der konsumierten Information zu bewerten. Die Quellen sind zum Teil dubios, und viele Patienten-Blogs transportieren blumig vorgetragene Einzelmeinungen, die dann gerade oft von verzweifelten Patienten für bare Münze genommen werden. Die Trennung von Fakt und Meinung - eines der journalistischen Prinzipien - gilt vielleicht noch in den seriösen Medien als Grundsatz, in FaceBook, WhatsApp und auf zweifelhaften HomeSites schert man sich um solche Fragen nicht. Dabei muss man nicht unterstellen, dass dies böse gemeint ist, aber der Leser nimmt die Einzelerfahrung als Wahrheit.

So entstehen recht schnell verkürzten mentale Transparente: Impfen erzeugt Autismus, weil Impfstoffe Quecksilber enthalten. Die Faktenlage hingegen erweist sich als deutlich differenzierter, schon Fachleute haben Schwierigkeiten, die verschiedenen Studien zu lesen und zu bewerten. Wir haben nicht gelernt, statistisch zu denken, obwohl der Berliner Professor Gigerenzer zeigen konnte, dass man bereits 4-Jährigen ein entsprechendes Grundverständnis vermitteln kann. Würde man an den allzu platten Aussagen klug zweifeln, dann würde man die Frage des Verhältnisses von Chancen und Risiken stellen oder es würde einem auffallen, dass in zwei Dosen Thunfisch mehr Quecksilber sein kann, als in manchem Impfstoff. Außerdem kommt oft Thiomersal zum Einsatz, welches der Körper recht schnell entsorgt.

Viel Schindluder wird mit Prozentangaben getrieben. Das perfide daran: Die Fakten stimmen, aber sie suggerieren das Falsche. Medikament A erzeugt bei doppelt so vielen Patienten schwere Nebenwirkungen wie Medikament B: 100% mehr Nebenwirkungen! Besser ist der Blick in die Originaldaten (das Beispiel ist erfunden, fasst aber die Datenlage vieler Studien zusammen): Bei 5000 Patienten beobachten wir bei zwei Patienten schwere Nebenwirkungen, bei Medikament B nur bei einem. Der britische Autor GOLDACRE (Die Wissenschaftslüge) versorgt den interessierten Leser mit einer Fülle von realen Statistikkatastrophen.

Physiologisch betrachtet kostet Denken Energie. Wir bevorzugen daher oft die einfache Lösung: Der Aufenthalt in der Urlaubsstadt kostet inklusive Kurtaxe 1100 Euro. Der reine Aufenthalt kostet 1000 Euro mehr als die Kurtaxe. Wie hoch ist die Kurtaxe? Klar: 100 Euro. Aber falsch!

Ganz schwierig zu verstehen und zu interpretieren sind die Ergebnisse medizinischer Tests. Ein Beispiel (vgl. Gigerenzer: Risiko): Bei 40-jährigen Schwangeren liegt die Wahrscheinlichkeit für eine Trisomie-21-Schwangerschaft bei 1%. Es gibt einen Test, der mit 90%-iger Wahrscheinlichkeit eine Down-Schwangerschaft erkennt. In 5% der Fälle liefert der Test falsch positive Ergebnisse. Nun sitzt eine 40-jährige Patientin vor ihrem Arzt, der ihr ein positives Testergebnis mitteilen muss. Natürlich ist die Frau bestürzt. Schließlich weiß sie, dass der Test zu 90% sicher ist! Die Frage ist nun, mit welcher Wahrscheinlichkeit haben wir es mit einer Down-Schwangerschaft zu tun? Wieder sind es die Prozentangaben, die uns in die Irre führen können. Es ist immer besser, nicht mit Prozentzahlen zu rechnen. Wenn wir 1000 40-jährige nehmen, sieht die statistische Tabelle dann so aus (nur Fallzahlen, keine Prozentangaben):

 

1000 Frauen

Kind hat Trisomie-21

Kind hat keine Trisomie-21

 

Test positiv

9

49,5 58,5

Testnegativ

1

940,5 941,5

 

10 990 1000

 

Das heißt: Von 1000 Frauen bekommen 58,5 ein positives Ergebnis, aber nur 10 Kinder entwickeln tatsächlich eine Trisomie-21. Die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven Ergebnis ein Kind mit Trisomie-21 zu auszutragen, liegt demnach bei ca. 1:6, genauer 17% und keinesfalls bei 90%. Die Auftretenshäufigkeit in der Grundgesamtheit muss also zur Basis auch der Argumentation werden.

Ich sehe folgende Konsequenzen: Wir müssen klug zweifeln lernen. Gut klingende Daten müssen noch keine guten Daten sein. Da Ärzte verpflichtet sind, Patienten gut zu beraten, müssen sie ihr statistisch-logisches Wissen fit halten. Und sie müssen daran arbeiten, in verständlicher und einfacher Sprache wissenschaftliche Fakten zu vermitteln, - gegen die Fake-News medizinisch-populistischer Medien.

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