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Mach es wie die Evolution

Heinz Jiranek

06.12.2018 ·  Die Aussage: 'Alternativlos! Es gibt nur den diesen einen Weg!', führt uns in eine geistige Sackgasse. Den besten Beweis liefert die Evolution. Denn sie geht zwar bestimmte Wege, aber sie schlägt keinen bestimmten Weg ein - so wie wir es tun würden wenn wir bspw. eine Wanderung planen. Heinz Jiranek erklärt, wie wir mit evolutionären 'Methoden' bessere alternativen finden können.

Heinz Jiranek

Es klingt gut, durchdacht, schlüssig. Aber oft schaffen die vermeintlich guten Lösungen von heute die Probleme von morgen. Und das trotz eines immer größeren Wissens und immer ausgefeilteren Möglichkeiten. Doch warum sind wir so anfällig für die einfachen Lösungen? Warum scheitern wir trotz bester Voraussetzungen regelmäßig? Antworten liefert das neue Buch von Heinz Jiranek. » http://www.jiranek.de

Mit einem Weg, so hieße das aus dem Griechischen stammende Wort »Methoden« wörtlich übersetzt. Die Evolution geht bestimmte Wege, das können wir im Nachhinein rekonstruieren, es wäre aber falsch zu behaupten, sie schlüge bestimmte Wege ein, so wie wir das tun würden, wenn wir eine Wanderung planen. Daher die Anführungszeichen. Aus der möglichen Falle einer anthropomorphisierenden Sprache ist schwer zu entkommen. Das sei als kleine Warnung vorweggestellt.

Ein ständiges Probieren

Die Methode heißt: probieren. Blind tastet Evolution ständig mutierend nach Möglichkeiten, und was möglich ist, wird auch gemacht. Durch fortwährende Mutation verlässt die Evolution immer und immer wieder Ergebnisse ihrer selbst, und das sind ja gerade die, die sich bereits bewährt haben. Trotzdem bleibt sie nicht stehen. Ohne Frage nach dem Sinn und ganz ohne Frage nach dem Risiko. Es gibt keinen, der sagt: Das wird nicht funktionieren, das ist idiotisch! Jede Entwicklung ist einen Versuch wert und den Irrtum auch. Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, wie viel Verschiedenheit die Natur zulässt und produziert? Ich meine diesmal nicht die 8,7 Millionen Arten, nein, nehmen wir nur mal eine Art, meinetwegen den Menschen. Keine zwei Menschen sind gleich. Nicht einmal eineiige Zwillinge. Obwohl wir 99,9 Prozent des Erbgutes gemeinsam haben unterscheiden wir uns genotypisch in Millionen von Basenpaaren, und schauen Sie einmal um sich, sehen Sie sich eine Gruppe von Menschen an. Auch im Phänotypischen, Sichtbaren, Messbaren ließen sich Hunderte oder Tausende von Variationen feststellen, – von der Form des Ohrläppchens über die Körpergröße bis zu unterschiedlichen Vorlieben und Verhaltensweisen. Sie alle sind im Bereich des Möglichen. Jeder auf dieser Welt lebende Mensch ist anders! Jeder ist einmalig!

Präzedenzfälle schaffen!

Mutation heißt: Immer wieder Präzedenzfälle schaffen, etwas erzeugen, das es so vorher nicht gegeben hat, und testen, ob die erfundenen Varianten von Vorteil sind oder nicht. Diese Mutationen selbst wiederum sind planlos und unvorhersehbar, sie sind aber als Methode sehr methodisch. Die Methode geht davon aus, dass das übrig bleiben wird, was sich bewährt hat. Was gerade ganz gut passt und sich deshalb hält: Selektion. Immer noch wird Darwin an dieser Stelle falsch verstanden oder wiedergegeben: Sein »Survival of The Fittest« darf nicht so interpretiert werden, dass es objektiv einen »fittesten« Mutanten gäbe. »Fittest« heißt fittest immer nur bezogen auf eine existierende Vergleichspopulation von Mutanten in einer gerade vorgefundenen Umwelt. »To fit« heißt nicht fit sein, sondern es bedeutet passen. Was passt, das bleibt. Noch genauer: Was – verglichen mit anderen Besetzern derselben Nische – am besten passt, das setzt sich durch. Der Einäugige unter den Blinden gewinnt. Damit ist aber nicht gesagt, dass der Einäugige die beste denkbare Lebensform darstellt. Was funktioniert, muss noch lange nicht das Beste, das Richtige sein. Der Einäugige ist nicht ein »richtiger« Evolutionsschritt, sondern nur einer, der gerade etwas besser war als andere. Bis der Zweiäugige auftaucht.

Kein Set von Eigenschaften, sondern Passung

Es treffen sich also nicht zwei Arten, High Noon, und duellieren sich. The Fittest ist kein Eigenschaftsbegriff, sondern es ist ein relationaler Begriff, einer der sich nur über alle Beziehungen zur gesamten vorgefundenen Umwelt bestimmt. Unsere Managementliteratur sucht eher nach Eigenschaftsetiketten, die man den erfolgreichen Unternehmen zuordnen kann. Viel gelesen wurde beispielsweise das schon zitierte Collins-Buch From Good to Great, deutsch Der Weg zu den Besten (2011), der wie viele andere auch nach Erfolgsfaktoren sucht. Ich stelle mir vor, Collins hätte vor 100 Millionen Jahren Dinos untersucht und ich vermute, er hätte ihnen ewige Exzellenz bestätigt: From Good to Great! Hätte er in den 1940er-Jahren Haarnetzhersteller unter die Lupe genommen, dann hätte er sicher den gefunden, der die richtigen Management-Prinzipien am besten beherrscht und somit einer unangreifbaren Zukunft entgegenblickt. Aber dann kam der Meteor, und es kamen die Haarspray-Hersteller. Aus der Traum! Dinos und Haarnetze gibt es nicht mehr. Während Collins – und wir auch immer wieder mal – nach Eigenschaften suchen, »sucht« Evolution nach Passung. Dabei kämpft sie nicht, sondern sie experimentiert, das ist die Methode. Sie erzeugt Überlebenshypothesen. Und wie auch in der Wissenschaft, werden manche dieser Hypothesen falsifiziert, andere nicht. Was nicht falsifiziert wird, das bleibt. Nun erklärt die Nicht-Falsifizierbarkeit für sich noch nicht die »Luxuseigenschaften«, die wir in der Natur beobachten können (Fischer 2005). Warum sollten Papageien ihr verschwenderisch buntes Federkleid tragen? Wie kann man sich den Prunk der Pfauenfedern erklären, wo das ganze Gepränge doch den Eindruck hinterlässt, als sei es dem Vogel eher eine Bürde? An diesen Beispielen lässt sich ein weiteres evolutionäres Prinzip zeigen: die sexuelle Selektion. Die Auswahlkriterien verlagern sich nach innen, in die Lebensgemeinschaft selbst (vgl. Fischer 2005: 320). Bei der Partnerwahl zählt (unter anderem) die höhere Attraktivität; das ist der Zugewinn innerhalb der überlebensfähigen Mutanten einer Spezies.

Es gibt kein »richtig« oder »falsch«

Ob etwas richtig ist, lässt sich nicht davon ableiten, ob es funktioniert! Machen wir uns das an einem kleinen Beispiel klar: Ein Urlauber fährt mit der Hypothese nach Lanzarote, dass es dort nie regnet. Da er Aussagen anderer Beobachter misstraut, führt er selbst eine Untersuchung durch: Er nimmt es sehr genau und fährt fünf Jahre lang immer für drei Wochen auf die Vulkaninsel. Tatsächlich hat er keinen einzigen Tropfen Regen gesehen. Seine Hypothese ist daher nicht falsifiziert. Aber sie muss keinesfalls die Richtige sein. Überlebensvarianten sind also nicht in irgendeinem Sinne »richtig«. Ganz im Sinne Kurt Tucholskys, wenn er sagt: »Laß dir von keinem Fachmann imponieren, der dir erzählt: ›Lieber Freund, das mache ich schon zwanzig Jahre so!‹ Man kann eine Sache auch zwanzig Jahre lang falsch machen.«

Ich reite zugegebenermaßen auf diesem Punkt etwas herum. Weil menschliches Denken anders gepolt ist. Unsere Erfolge machen uns stolz. Und gleichzeitig locken sie uns auf sehr, sehr dünnes Eis. Das Eis der Einbildung – wie nah doch liegen Stolz und Einbildung beieinander. In dem Moment, wo wir glauben, wir wüssten nun, wie’s geht, liegen wir schon falsch. Das ist der große Verdienst des Philosophen Sir Karl Popper, dass er uns eindringlich davor warnt, Erfahrungen zu Gesetzen zu verallgemeinern. (Was ja nach wie vor unser wissenschaftliches Prinzip ist!) Diese »Gesetze« seien nichts weiter als Spekulationen, und Wissenschaft habe nach deren Falsifikation zu trachten! Die Evolution weiß nichts von einem Herrn Popper, sie folgt aber seit jeher seinem Prinzip. Was existiert, das ist nicht falsifiziert, noch nicht. Verifikation ist nicht möglich. (Umso unsinniger ist natürlich die Idee, überlebensfähige Varianten im Voraus bestimmen zu wollen, das ist schlechterdings nicht möglich.)

Selektionsmuster

Und trotz aller Planlosigkeit entstehen dabei immer wieder musterhaft drei unterschiedliche Selektionsphänomene: Transformierend nennt man die Selektion, wenn ein Merkmal in eine bestimmte Richtung verschoben wird. Die schnelleren Exemplare einer Art werden weniger häufig gefressen, also verschiebt sich das Merkmal Fluchtgeschwindigkeit nach oben. Stabilisierende Auswahl taucht auf, wenn ein »zu groß« oder »zu klein« Nachteile bringt. Zu große oder zu kleine Flügel würden der Taube Nachteile bringen. Und als disruptiv 13 bezeichnet man Entwicklungen, wo genau die Mitte keinen großen Vorteil bringt, aber die Verteilungsränder. Die Darwinfinken findet man als Körner- und Nüssefresser mit kräftigen Schnäbeln vor, aber auch als Insektenfresser mit dünnen, filigranen Schnäbeln. Der mittlere Schnabel hätte hier keinen Vorteil. Je nach Umgebungsbedingungen natürlich. Durch unermüdliches Neukombinieren entsteht manchmal vollkommen anderes, Neues. Man nennt dies gewöhnlich »Emergenz«, Konrad Lorenz bevorzugte den Begriff der »Fulguration«, weil es dann oft wie ein Blitz (lateinisch Fulgur) einschlägt. Das Bild stimmt phänomenologisch, aber was sich da scheinbar schlagartig entwickelt, kann das nur, weil Hunderte oder Tausende von Vorvarianten, Vorläufer-Bausteinen zur Verfügung stehen. Erst waren die Aminosäuren entstanden, und nur so konnten sich Proteine formen. Vor dem Blitz kommt das Wetterleuchten, und dann wird plötzlich aus dem Ganzen mehr als es die Teile erahnen ließen. Auch Entwicklungssprünge entwickeln sich. Ohne Teile kein neues Ganzes.

Redundanz

Lebende Systeme sind redundant ausgelegt. Der Verlust von Teilen ist noch nicht lebensgefährlich. »Die Natur neigt dazu, alles überzuversichern« »Das Überflüssige ist eine sehr notwendige Sache« (Voltaire). Wie viele Blätter braucht der Baum, um zu überleben, und wie würde er nach Restrukturierung durch eine Beratungsgesellschaft aussehen? Wie viele Gehirnzellen kann man weglassen, und trotzdem noch Abitur machen? Physikalische und damit auch lebende Systeme sind niemals fehlerfrei. Überlebt haben in der Evolution daher solche Systeme, die in der Lage waren, ausgeklügelte Kontrollmechanismen zu entwickeln, die weitestgehend auf Redundanzen basieren. Jede unserer Zellen enthält die gesamte Erbinformation, jede! Denn ein Systemzusammenbruch darf nicht schon erfolgen, wenn in einem der Untersysteme Fehler auftreten.

So ist beispielsweise auf der Ebene der Proteine gezeigt worden, dass sich im Laufe der Zeit Änderungen (Punktmutationen) ansammeln, ohne dass die Eigenschaften der Proteine dadurch nachhaltig beeinträchtigt werden. Das ist auch äußerst sinnvoll. Denn auch aus der Informationstheorie wissen wir, dass Redundanz einer der wirkungsvollsten Mechanismen zur Fehlerkorrektur ist. Jeder Information kann ein Rauschen überlagert sein, ohne den Informationsgehalt zu gefährden. Der Selektionswert der genannten Veränderungen in Proteinen liegt daher darin, dass sie toleriert werden können, weil sie funktionell (nahezu) gleichwertig sind. Selektiert wird das übergeordnete System (hier: Zelle oder vielzelliger Organismus), dessen Funktion auf der Integration einer großen Zahl verschiedener Gene beruht. Alle Systemkomponenten stehen in einem Fließ-Gleichgewicht zueinander, das seinerseits Fluktuationen der Leistungen oder Eigenschaften der Systemkomponenten kompensieren kann.

Konstanz und Wandel in Balance

Zwei Prinzipien sind ständig wirksam: ein bewahrendes und ein veränderndes. Ohne Letzteres wäre nichts entstanden, ohne Ersteres nichts geblieben.

Veränderung stört die Konstanz. Es kommt zu Fehlern im Konstanz-Programm. Die Störungen ereignen sich innen wie außen: Ursuppe und Gewitter, Pflanzen und klimatische Verschiebungen, Zellen und Mutationen. Im sozialen Umfeld: Staatswesen und Politiker (oder Bürger), Unternehmen und Märkte, Manager und Unternehmen. Das Ungenaue, der »Fehler«, die Störung, die Abweichung vom Bewährten (vom Bewahrten) und mithin von der Konstanz: Erst das alles erweitert den Möglichkeitsraum. Entwicklung entsteht immer dort, wo das Konstanzprogramm fehlerhaft arbeitet.

Konstanz und Wandel sind also grundlegende Entwicklungsprinzipien, und sie sind auf geheimnisvolle Art und Weise aufeinander angewiesen und stehen in einer präzisen Balance. Diese Balance selbst ist ein Ergebnis des evolutiven Prozesses. Offensichtlich muss sich ein gesundes Verhältnis zwischen den beiden Phänomenen einstellen. Würde sich die Waagschale zu sehr in die eine oder andere Richtung neigen, so wäre ein Überleben nicht möglich.

 

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