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Nur die perfekte Entscheidung zählt

Ingo Radermacher

04.07.2019 ·  Gut genug, das ist das neue Mittelmaß. Heute muss es schon perfekt sein. Unsere Entscheidungen, unsere Arbeitsergebnisse. "Doch muss es das wirklich? Oder legen wir uns selbst die Latte zu hoch?" fragt der Entscheidungsphilosoph Ingo Rader macher. Denn unser Handeln ist meist nicht für die Ewigkeit und unsere Entscheidungen sind selten Grundsatzentscheidungen. Ein Plädoyer für etwas mehr Nachlässigkeit.

Ingo Radermacher

Ingo Radermacher ist Entscheidungsphilosoph® und Klardenker. Als Informatiker und Unternehmensberater steht er für Klarheit im Denken. Zudem regt er als Autor und Keynote Speaker zum Selbstdenken an. Er zeigt, dass sich Probleme auch logisch lösen lassen. Als Familienvater sieht er sich außerdem in der Verantwortung, die Veränderungen unserer Gesellschaft zu reflektieren und auf deren Zukunft meinungsbildend Einfluss zu nehmen. » http://www.ingoradermacher.de

Soll es a) gut genug sein? Oder soll es b) perfekt sein? Zwischen diesen beiden Alternativen können Welten liegen. Und nicht unwahrscheinlich ist: Wir träumen von Lösung b) – und sabotieren damit im Endeffekt auch Lösung a). Wir legen die Latte häufig zu hoch: wir verlangen uns Grundsatzentscheidungen ab, getroffen für die Ewigkeit – in Stein gehauen wie seinerzeit Gottes zehn Gebote …

Es gibt sie tatsächlich, die Grundsatzentscheidung – die Entscheidung für die Ewigkeit. Sie ist vor allem eines: endgültig. Ihre Niere können Sie kein zweites Mal spenden, ein Haus kein zweites Mal verkaufen, und auch eine Kündigung ist üblicherweise einmalig. Man kann darüber im Nachhinein unglücklich sein – aber: es ist nun mal nicht (mehr) zu ändern; die Sache ist gelaufen. Punkt. Das festzustellen kann befreien – kann den Blick wieder weiten, nach vorne ausrichten, neue Energien freisetzen. Man kennt etwas Ähnliches in der Psychologie: Menschen mit großer Angst vor bestimmten Standardsituationen – beispielsweise Prüfungsangst – wird zuweilen geraten, sich zu sagen: »Flucht ist ausgeschlossen.« Eben diese Alternativlosigkeit entbindet den Organismus aus dem lähmenden »Flucht- oder Angriff-Dilemma« und kann helfen, aus der extremen inneren Anspannung herauszukommen – vielleicht in den Flow, wo dann nicht mehr die angstinduzierte Leere im Kopf herrscht, sondern das vorhandene Prüfungswissen abrufbar ist.

Zurück zu Entscheidungsfallstricken – in diesem Fall: das Verlangen nach der perfekten Entscheidung. Sie paralysiert, und vor allem: Auf der Jagd nach dem Perfekten entgeht einem oft das Entscheidende. Wer heute beispielsweise urban gardening beginnt, baut nicht einfach Kartoffeln auf seinem (Stadt-)Balkon an. Nein – natürlich nicht. Stattdessen findet sich der künftige Gemüsegärtner und Agrar-Produzent in der Entscheidungssituation wieder, aus über dreißig »alten« Kartoffelsorten sorgsam die genau richtige, perfekte, auswählen zu wollen. Das kann dauern. Und während dieser Entscheidungsfindungsphase übersieht er vielleicht die eigentliche Gefahr: das Zeitfenster zum Anpflanzen zu verpassen. Irgendwann ist es Ende Mai geworden, und alles, was er noch anpflanzen kann für diese Saison, ist: Petersilie. Stattdessen hätte er beispielsweise, als noch Zeit war und die Entscheidung für die perfekte Erdfrucht so schwer fiel, drei Kartoffelsorten auswählen können, Erfahrungen sammeln – auch das: eine Möglichkeit. Schließlich geht es um saisonalen Gemüseanbau – und nicht etwa um die Partnerwahl fürs Leben. Perfektion ist eine Fiktion – das merken Sie beim Kartoffelanbau spätestens dann, wenn Wetter und Kartoffelfäule Ihnen einen Strich durch die Rechnung machen. Sie haben es bei der Natur, und damit auch beim urban gardening, wie Ihnen klar wird, mit komplexen Systemen zu tun. Und für Sie als Entscheider gilt damit, dass Ihre Möglichkeiten der Einflussnahme und Kontrolle darin vor allem eines sind: begrenzt.

Und noch etwas ganz Wesentliches zur Jagd nach der perfekten Entscheidung: Auch eine Fehlentscheidung kann nutzen. Denn: Daraus besteht die Chance zu lernen; so entwickeln wir uns weiter. Wenn wir – gerade im Beruflichen, in der Unternehmenswelt – von einer guten Fehlerkultur sprechen, meinen wir genau das: das Lernpotenzial, das in einer nicht ganz so optimalen Entscheidung liegt, zu heben. Das erfordert: hinschauen, reflektieren – und bei der nächsten Entscheidung die gewonnenen Erkenntnisse einfließen lassen. Was hierbei wenig nutzt, ist das schlicht-naive und seit einigen Jahren inflationär beschworene: »… hinfallen, aufstehen, Krönchen richten, weiterlaufen« – denn das klingt nicht, als würde aus eigenen Stürzen irgendetwas gelernt.

Die mit absoluter Sicherheit richtige, optimale, kluge und damit perfekte Entscheidung gibt es nicht – und das ist auch gut so. Sonst gäbe es kein Lernen, keine Weiterentwicklung; wir kämen im Leben nicht von der Stelle. Was es dafür aber erfordert, sind. Entscheidungen. Entscheidungen sind Schritte; sich nicht zu entscheiden, weil man noch über den »perfekten Schritt« nachdenkt, bedeutet, man steht auf der Stelle, zum Schritt ansetzend: ein Bein erhoben – und mehr passiert nicht. Ein Stillstand, der mit Instabilität und Verwundbarkeit einhergeht: Wie leicht verliert man die Balance, wie leicht wird man umgestoßen, wenn man nur auf einem Bein dasteht?

Perfektionismus kann bedeuten, dass man sich inniglich wünscht, sich in dieser Sache vielleicht nicht entscheiden zu müssen – denn die Sorge, unperfekt zu agieren, ist groß; im Endeffekt vielleicht als Depp dazustehen. »Mensch, das hätte dir aber auffallen müssen« oder »Gute Idee, aber du hast nicht berücksichtigt …« zu hören zu bekommen – vor allem für Perfektionisten eine furchterregende Vorstellung; und eben diese Furcht macht vermeintlich perfekte Entscheidungen so anfällig.

Unheilvoll ist auch die Annahme, man könne sich »vorläufig entscheiden«. Wie sollte das funktionieren? Eine vorläufige Entscheidung ist keine Entscheidung; man ist im Grunde tatsächlich noch immer im – vulnerablen – Entscheidungsfindungsmodus. Man fühlt sich noch immer – vielleicht nur unbewusst – durch die Nicht-Entscheidung belastet, spürt das Gewicht des Unerledigten, fühlt sich umzingelt von unklaren, diffusen Beziehungen und Verhältnissen. Natürlich kann man sich an einen solchen Zustand auch gewöhnen – und vielleicht hat man sie ja auch noch nie erlebt: die Leichtigkeit, die aus der Klarheit der Entscheidung entstehen kann. Sich – trotz aller perfektionistischen Nöte – für einen Schritt entscheiden und ihn tun; etwas beginnen, durchziehen und beenden – auch unter suboptimalen Bedingungen und Widrigkeiten. Wie bereichernd das sein kann, welches Glück man dem verdanken kann – diese Erfahrung ist jedem zu wünschen.

Wie sieht es im Business mit dem Ringen um das Beste, die perfekte Entscheidung aus? Gerade die Digitalisierung setzt Entscheider unter großen Druck. Denn das – unausgesprochene – Credo lautet: Angesichts der verfügbaren Informationsfülle – zu ziemlich jedem potenziell wesentlichen Aspekt – war die optimale, die perfekte Entscheidung nie einfacher. Dieses Credo ist vor allem eines: naiv. Die perfekte Entscheidung ist weiterhin eine Fiktion – gelegentlich grundiert von Größenwahn. »Simply the best …« ist im Business nicht selten der Unheil dräuende Kampfruf von Narzissten. »Gut genug …« – damit hingegen wäre uns zumeist schon sehr geholfen. Und wer Beispiele für vorgeblich perfekte Simply-the-best-Entscheidungen sucht, der schaue sich gerne bei Stuttgart 21 oder dem Berliner Großflughafen BER um.

Gut genug! – Das reicht.

Ein entschiedenes Plädoyer für »gut genug« führt der Psychologe Barry Schwartz (2005, 14) im Bestseller The Paradox of Choice – deutsch: Anleitung zur Unzufriedenheit: Warum weniger glücklicher macht. Sein Ansatz identifiziert Freiheit mit selbstauferlegten Grenzen, mit Genügsamkeit – wobei er in erster Linie Beispiele aus der Konsumforschung betrachtet:

  1. Es ginge uns besser, wenn wir unserer Wahlfreiheit bestimmte freiwillige Einschränkungen auferlegten, statt uns gegen diese aufzulehnen.
  2. Es ginge uns besser, wenn wir anstreben würden, was »gut genug« ist, statt immer das Beste zu wollen.
  3. Es ginge uns besser, wenn wir unsere Erwartungen hinsichtlich der Ergebnisse von Entscheidungen herunterschrauben würden.
  4. Es ginge uns besser, wenn wir unsere Entscheidungen unwiderruflich machen würden.
  5. Es ginge uns besser, wenn wir uns weniger um das kümmern würden, was andere tun.

Nicht Perfektionismus macht uns zu guten Entscheidern – sondern, um es noch einmal mit Gerd Gigerenzer zu sagen: »[…] nur so lange zu suchen, bis man eine Lösung gefunden hat, die gut genug ist, wenn auch nicht die beste« (Heinrich et al. 2011). Dann ist es an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Denn wie der Däne Sören Kierkegaard feststellte: »Es ist nicht zu glauben, wie schlau und erfinderisch Menschen sind, um Entscheidungen aus dem Weg zu gehen.«

Auf der Jagd nach dem Besten entgeht uns das Gute. Oder, anders gesagt – mit Blick auf die »Qual der Wahl im Reich endloser Möglichkeiten«: Die Rhetorik derer, die uns ein Produkt verkaufen möchten, mag perfekt ausgefeilt und manipulativ sein; sie möchten uns glauben machen, die Auswahl werde hoch kompliziert? Das muss so nicht stimmen! In der Ich-Jagd der Moderne trifft der Mensch eine Entscheidung, nur um direkt im Anschluss zu überdenken, ob diese Entscheidung auch wirklich richtig war. Stellt sich die Entscheidung tatsächlich mit Blick auf dem angestrebten Ziel als erfolglos heraus, so hätte dieser post-decision regret seine Berechtigung. Handelt es sich aber um eine passable oder zufriedenstellende Entscheidung, wäre sie unnötig. Doch der Entscheider fragt sich dennoch, ob nicht noch etwas Besseres möglich gewesen wäre. Besteht die Gelegenheit zur Korrektur, so werden diese Zweifel oft in eine neue Entscheidung umgemünzt. Diese wird dann erneut – informatisch würde man hier von einer rekursiven Prüfung sprechen – geprüft. Man könnte fast sagen, dass die Optionsvielfalt unserer Zeit das Entscheiden paralysiert.

Und so ist Genügsamkeit offenbar aus der Mode gekommen und wirkt für viele sogar schon fast einfältig. Wer sich derart entschließt und festlegt macht sich fast schon verdächtig; mindestens wirkt er starrsinnig, muffig und konservativ. Denn unsere größte Angst ist schließlich: etwas Entscheidendes, etwas (noch) besseres verpassen zu können. Und wer sich bereits für den einen – und nur den einen – Weg, Partner oder Schokoriegel festgelegt hat, den beschleicht das Gefühl, dass es möglicherweise noch eine bessere Alternative gegeben hätte. Und so hegen viele den Wunsch, auch im echten Leben – ganz wie beim Computer – noch einmal einen Neustart wagen oder mindestens auf die Reset-Taste drücken zu können. Doch: Genau dieses Denkmodell führt in eine Sackgasse, lähmt. Es ist sozusagen: eine Anleitung zur Unzufriedenheit.

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