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Perspektivenwechsel - oder wie Sie mit schwierigen Zeitgenossen besser umgehen

Christiane-Maria Drühe

10.07.2014 ·  Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sitzen in einer Besprechung. Ihr Kollege Weber trägt seine Präsentation vor. Für Ihren Geschmack ist sie etwas ausführlich, aber bei der Komplexität des Themas hat es schon seine Berechtigung. Ihnen gegenüber sitzt Ihr Kollege Thomas Schmidt. Sie sehen, wie er immer wieder die Augen verdreht und bei jeder neuen Folie ungeduldiger wird. Bis ihm mal wieder der Kragen platzt. Er unterbricht Martin Weber ziemlich schroff: „Das ist ja alles schön und gut. Aber können Sie mal zu Potte kommen und uns zeigen, wo das Ganze hinführt?!“ Weber gerät ins Stocken, wird blass und schluckt.

Christiane-Maria Drühe

Dr. Christiane-Maria Drühe, Diplom-Psychologin, Diplom-Betriebswirtschafterin SGBS und MA Personalentwicklung, gilt als führende Expertin zu den Themen Plötzlich Führungskraft, Motivation, Konfliktmanagement und Kommunikation. Sie arbeitet als Coach, Buchautorin und Trainerin und hält Workshops zu verschiedenen Themen aus dem Spannungsfeld Management und Psychologie. » http://www.strategisches-coaching.de/

Stellen Sie sich folgendes Szenario vor: Sie sitzen in einer Besprechung. Ihr Kollege Weber trägt seine Präsentation vor. Für Ihren Geschmack ist sie etwas ausführlich, aber bei der Komplexität des Themas hat es schon seine Berechtigung. Ihnen gegenüber sitzt Ihr Kollege Thomas Schmidt. Sie sehen, wie er immer wieder die Augen verdreht und bei jeder neuen Folie ungeduldiger wird. Bis ihm mal wieder der Kragen platzt. Er unterbricht Martin Weber ziemlich schroff: „Das ist ja alles schön und gut. Aber können Sie mal zu Potte kommen und uns zeigen, wo das Ganze hinführt?!“ Weber gerät ins Stocken, wird blass und schluckt.

Sie haben mitbekommen, dass er gestern Abend noch bis spät an der Präsentation gefeilt hat. Es ist ihm wichtig, die Dinge immer genau auf den Punkt zu bringen. Und er gehört zu den Leuten, die erst dann nach Hause gehen, wenn sie mit ihrer Arbeit fertig sind. Egal wie spät es unter Umständen wird. Weber atmet tief durch und erwidert: „Wir müssen alle Details betrachten, damit wir bei der Entscheidung über den Fortgang des Projektes keine wichtigen Punkte übersehen. Dafür brauchen wir nun mal Zeit.“

Vielleicht spricht Ihnen Thomas Schmidt auch aus der Seele? Oder sehen Sie eher in Martin Weber einen Seelenverwandten? Beide Verhaltensweisen sind übrigens nicht typisch männlich - auch Frauen treten auf die eine oder andere Art auf.

Was geht in Thomas Schmidt vor, während er der Präsentation seines Kollegen zuhört? Wobei er vermutlich gar nicht die ganze Zeit zuhören wird, sondern zwischenzeitlich auf seinem Smartphone Mails bearbeitet. Zeit ist schließlich Geld. Und Besprechungen nur überflüssiges Geschwafel. Außer es werden Entscheidungen getroffen, Meilensteine und Verantwortlichkeiten festgelegt. Am liebsten natürlich neue Herausforderungen für ihn. Er ist schließlich hier um Ziele zu erreichen und Probleme zu lösen. Solche umständlichen Erbsenzähler wie der Weber lähmen da eher das Business. Der immer mit seiner Sturheit, hier noch eine Analyse, da noch ein Bedenken.

Und was denkt Martin Weber von seinem Kollegen Schmidt? Typisch, der reißt mal wieder alles an sich. Weiß alles besser, obwohl er nie zuhört und bestimmt ohne Rücksicht auf andere wie es weitergeht. Hauptsache, er steht am Schluss wieder als der tolle Hecht dar. Aber, dass ich die ganze Arbeit gemacht habe, interessiert nicht. Qualitätssicherung scheint für ihn ein Fremdwort zu sein. Und kritische Fragen kann er überhaupt nicht vertragen.

Der eine sieht den anderen als arroganten, rücksichtslosen Antreiber bzw. als verbohrten Nörgler, der nur die Arbeit blockiert. Beide halten sich gegenseitig für „schwierig“ und sind froh, wenn sie mit dem jeweils anderen möglichst wenig zu tun haben.
Das lässt sich allerdings nicht vermeiden. Beide gehören schließlich zum gleichen Team.

Da beide eher negativ voneinander denken und bisher nicht auf die Idee gekommen sind, miteinander zu reden, wissen sie natürlich auch nicht, wie sie vom jeweils anderen eingeschätzt werden. Und dass sie - auch von anderen Menschen - für „schwierig“ gehalten werden, können sie sich beim besten Willen nicht vorstellen. Sie wollen doch beide nur das Beste für die Firma.

Wichtig ist, dass jede Firma beide braucht. Den Pragmatiker Thomas Schmidt, der selbstbewusst und energisch gegenüber Kunden, Auftraggebern und Lieferanten auftritt und entschluss- und risikofreudig zur Tat schreitet. Und den Analytiker Martin Weber, der gründlich und logisch vorgeht, alles genau prüft und Vor- und Nachteile abwägt.

Was hat es nun mit diesen „schwierigen“ Menschen auf sich und wieso ist es hilfreich sich mit ihnen zu beschäftigen? Jeder von uns kennt vermutlich einen Martin Weber oder einen Thomas Schmidt - oder zumindest Menschen, die ähnliche Verhaltensweisen zeigen. Auch wenn die beiden in dem Beispiel übertrieben beschrieben wurden.

Was heißt überhaupt schwierig?

„Schwierig“ heißt, dass es Menschen gibt, die uns mehr Energie und manchmal auch Nerven kosten als andere. Auch wenn Sie vielleicht bereits durch Coachings oder Seminaren wissen, dass andere Menschen sich anders verhalten als Sie, weil sie anders wahrnehmen, denken, fühlen ... Menschen verhalten sich anders, weil sie anders „ticken“ - und nicht unbedingt, um Sie zu ärgern (was allerdings manchmal auch der Fall sein kann).

Es gibt auch Menschen, mit denen wir leichter zurecht kommen und lieber zusammen sind bzw. arbeiten. Thomas Schmidt und Wiebke Neumeier kommen bei der Arbeit ganz gut miteinander zurecht. Unter rein beruflichen Aspekten - versteht sich. Sie sind beide nach Außen auf ihre Umwelt hin orientiert und gehen aus sich heraus. Sie sagen und zeigen, was sie denken und fühlen. Sie arbeiten gerne mit anderen Menschen zusammen. Und sie sind offen für Veränderungen. Wenn es um neue Projekte und Entwicklungen in der Abteilung geht, sind beide mit Begeisterung dabei.

Nach der Begeisterung für neue Aufgaben trennen sich jedoch die Wege der beiden ganz schnell. Thomas Schmidt ist lösungs-orientiert und möchte schnell und effizient vorankommen - typisch Pragmatiker eben. Er wird ganz ungeduldig, wenn er mitbekommt, wie seine Kollegin sich für immer neue Aspekte dieser Geschäftsidee oder jenes Projektes begeistert. Und wen sie alles ansprechen könnte, um fachkundige Unterstützung zu erhalten und wer bei der Realisierung alles mit eingebunden werden soll ... Und dann ihre impulsive Mimik und Gestik. Das ist jetzt langsam alles etwas zu viel des Guten! Zumal er ja schon wiederholt die Erfahrung gemacht hat, dass aus all diesen Versprechen und Ideen wenig wird. Die Kollegin ist in seinen Augen unzuverlässig, verzettelt sich und hat einen undisziplinierten und chaotischen Arbeitsstil. Ihren Enthusiasmus schätzt er ja bis zu einem gewissen Grad, aber dann wird daraus ganz schnell Wolkenschieberei.

Sie können sich sicherlich denken, dass Wiebke Neumeier sich selbst mit ganz anderen Worten beschreiben würde. Sie sieht sich als den kreativen Kopf der Abteilung, der mit viel Energie und voller Begeisterung immer wieder neue Ideen einbringt. Sie ist humorvoll und optimistisch und sieht oft noch einen Silberstreifen am Horizont, wenn die anderen Kollegen schon die Flinte ins Korn geworfen haben. Und hat sie nicht mit ihrem Charme schon manchen Kunden und Lieferanten einfangen können? Okay, dass ihr Arbeitsstil nicht gerade der ordentlichste ist - das muss sie schon zugeben. Und dass sie auch nicht immer Termine einhält ... das kann ja schon mal passieren. Passiert bei den anderen ja auch. Keiner ist schließlich perfekt. Außer Martin Weber. Der strebt ja immer nach Perfektion!

Martin Weber und Wiebke Neumeier, die beiden sind wie Feuer und Wasser. Gute Zusammenarbeit zwischen den beiden gelingt nur dann, wenn sie in unterschiedlichen Projektphasen eingebunden sind. Aber Gegensätze ziehen sich auch an: Der eher zurückhaltende Martin Weber ist schon manchmal fasziniert von der Leichtigkeit, mit der seine Kollegin andere „um den Finger wickeln kann“ - während er sich mühsam unzählige Argumente zurechtlegt, um die anderen von seinem Standpunkt zu überzeugen. Und auch Wiebke Neumeier kann der Beständigkeit und inneren Ruhe, die Martin Weber für sie ausstrahlt, durchaus etwas abgewinnen. Begeistert sein und begeistern ist aber auf die Dauer auch anstrengend!

Der vierte in der Abteilung ist Max Oberndorf. Er ist - ähnlich wie Martin Weber - eher zurückhaltend und in der Beobachterrolle. Im Gegensatz zu seiner Kollegin Neumeier ist er sehr zuverlässig und übernimmt selbst die Aufgaben scheinbar gerne, die sonst keiner machen möchte. Er ist geduldig und verständnisvoll - so etwas wie der „Kummerkasten“ der Abteilung. Wenn es Probleme gibt, bemüht er sich sofort um eine Schlichtung. Streit kann er gar nicht haben. Eine gute Atmosphäre ist für ihn lebenswichtig. Dazu gehören auch manchmal Eis oder Kuchen für die Kollegen, die er aus der Mittagspause mitbringt. Er versteht sich eigentlich mit allen aus der Abteilung ganz gut - und alle sich mit ihm. Zumindest gibt es mit Max Oberndorf die wenigsten Reibereien. Auch wenn den anderen seine Harmoniesucht und Unterwürfigkeit manchmal auf die Nerven geht. Und dass man bei ihm nie weiß, was er wirklich denkt. Typisch Ja-Sager.

Sie haben nun vier Charaktere einer Abteilung kennen gelernt. Alle haben ihre Stärken und ihre Schwächen. Alle sehen sich selbst mit anderen Augen als sie von den Menschen in ihrer Umgebung wahrgenommen werden und wären vermutlich sehr überrascht über die Einschätzung der anderen. Die Beschreibungen von Thomas Schmidt, Martin Weber, Wiebke Neumeier und Max Oberndorf sind natürlich überspitzt. Außerdem finden sich im Alltag so gut wie nie Menschen, auf die nur eine dieser Beschreibungen zutrifft. Wir zeigen alle eine Mischung aus Verhaltensweisen von zwei, drei oder vielleicht sogar allen vier hier vorgestellten Personen.

An diesen Schilderungen fällt auf, dass wir häufig eine stereotype, stark vereinfachte, schonungslose und unvereinbare Sicht einnehmen, wenn wir das Verhalten von anderen Menschen und unser eigenes Verhalten beschreiben: die anderen sehen wir sehr kritisch und ablehnend, uns selbst dagegen eher mit Wohlwollen und affirmativ, also zustimmend und bestätigend. Aus psycho-hygienischen Gründen, also für unser psychisches Wohlbefinden ist dieses Vorgehen natürlich empfehlenswert und sinnvoll. Für den Umgang mit schwierigen Menschen ist es jedoch nicht zielführend, hier empfiehlt sich ein etwas anderes Vorgehen: Es geht darum, das Problem aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Durch einen Perspektivenwechsel ist es oft leichter, eine Lösung zu finden, als wenn man nur auf seinem Standpunkt verharrt. Bedenken Sie: eine ein Euro-Münze - also ein und dasselbe Geldstück - hat auch zwei Seiten. Natürlich wäre es viel einfacher, wenn man zu seinem als „schwierig“ definierten Menschen hingehen und sagen könnte: „Ändere dich mal und werde pflegeleichter!“ Leider - oder besser zum Glück - funktioniert das nicht. Durch das Umdeuten erkennen wir, dass das, was wir an anderen Menschen als schwierig beschreiben, sehr viel mit uns selbst zu tun hat. Umdeuten hat übrigens nichts mit Schönreden oder der Wahrnehmung der anderen Person durch eine rosa-rote Brille zu tun, es geht um den Wechsel des Blickwinkels und um neue Perspektiven. Etwa so, als würden Sie sich zu Hause nicht mehr auf Ihren Stammplatz setzen, sondern auf den Stuhl oder in den Sessel Ihres Partners oder Ihrer Partnerin.

Bei vielen Menschen ist es so, dass sie die Verhaltensweisen bei anderen als anstrengend und schwierig erleben, die ihrem eigenen Verhalten fremd oder sogar entgegengesetzt sind.
Menschen, die für Sie Nervensägen darstellen, müssen es nicht zwingend auch für andere sein und umgekehrt. Ob Sie gut mit Ihrem Chef oder Ihren Kollegen klarkommen oder mit ihnen aneinander geraten, hängt also nicht nur von den anderen ab, sondern vor allem von Ihnen.

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