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Post-Corona - Mensch, wie wollen wir leben?

Dr. Andreas F. Philipp

25.06.2020 ·  Die Frage, wie wir leben wollen, beschleunigt sich gerade im Turbo-Tempo. Nachfolgender Artikel verbindet diese Frage mit dem Potential, das im „Shutdown“ steckt und bietet eine Reflexion für den Einzelnen, Unternehmen und die Gesellschaft an. Zur positiven Weiterentwicklung dieser drei Ebenen haben wir jetzt die Chance. Vorausgesetzt, uns gelingt aus dem aktuellen GEMEINSAM, ein dauerhafter Bewusstseinssprung vom Ich zum WIR.

Dr. Andreas F. Philipp

Dr. Andreas F. Philipp begleitet mit seiner Firma, Philos, seit 25 Jahren Menschen und Organisationen in Veränderungsprozessen. Die ganzheitliche Gestaltung der digitalen Transformation sieht er als besondere gesellschaftliche Herausforderung an, … die gleichsam der Menschheit helfen wird, sich auf ihre nächste Bewusstheitsstufe zu entwickeln.  » http://www.philos-postdigital.de

Reflexions-Pause Covid-19

Mit der Corona-Krise verhält es sich wie mit der Eisberg-Metapher: Unter dem sichtbaren Fünftel schwelt schon länger die Gefahr einer weltweiten Wirtschaftskrise, deren tiefere Ursache in einer Bewusstheitskrise der modernen Gesellschaft zu finden ist. Das Gute an dieser verordneten "Zwangspause" ist, dass wir jetzt Reflexionszeit geschenkt bekommen. Fragen, die sich Jeder von uns stellen kann, sind:

  • Ist mein Leben so, wie ich es mir vorgestellt habe?
  • Bringe ich meine besonderen Fähigkeiten am richtigen Ort im richtigen Maß ein?
  • Was möchte ich beibehalten? Was möchte ich ändern?
  • Wem möchte ich schon lange Mal DANKE sagen? 

Aber auch Unternehmen können die Fragezeichen Ihres Wirkens tiefer setzen:

  • Was ist der wirkliche Zweck und höhere Sinn meines unternehmerischen Handelns?
  • Bleibt Gewinnmaximierung das einzige Ziel oder kann ich mit meinem wirtschaftlichen Tun auch zunehmend dem Gemeinwohl dienen?
  • Was würde das konkret für meine Produkte und Dienstleistungen bedeuten?
  • Mit wem kann ich mich zusammentun, um diesen erweiterten Unternehmenszweck zu verwirklichen?

Nicht zuletzt eröffnet uns die Corona-Pause die Möglichkeit, Gesellschaft neu zu denken. Wenn wir auf unsere Wirtschaft blicken, stellen sich Fragen folgender Art:

  • Wie können wir zu einer regionaleren, nachhaltigeren und gleichsam weltweit solidarischeren Form des Wirtschaftens kommen?
  • Wie können wir eine Wirtschaft aufbauen, bei der das Gemeinwohl einen zunehmend höheren Stellenwert einnimmt?
  • Wie können wir dazu die Akteure Unternehmen, Staat, Konsumenten, Zivilgesellschaft zu einem neuen "Kooperationsvertrag" zusammen¬bringen?
  • Und ganz akut: Wie gehen wir mit der sich durch die Krise rasant beschleunigenden Monopolbildung durch „Digitale Player“ wie Amazon, Google, Apple, Facebook usw. um? 

Aber auch die Politik ist nach der Krisenmanagement-Zeit gefordert, nochmal grundsätzlich über ihr Wirken nachzudenken:

  • Sind Nationalstaaten noch die richtige Antwort für die komplexen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts?
  • Welche neuen, intelligent-regionalen Cluster des Zusammenwirkens können wir bilden?

Wo können wir, orientiert an den Lernerfahrungen in der Krise, noch viel intensiver in Kooperation gehen und überregionale Zusammenarbeit organisieren?Wie können uns dabei bestehende Institutionen, wie z.B. die EU oder UNO helfen? In welcher Form müssen wir diese gezielt reformieren?Wie können wir die (Welt-)Gesellschaft so weiterentwickeln, dass wir menschennäher und erdenfreundlicher leben? Welche neue Rolle leitet sich daraus für die Politik ab?

Schließlich werden wir durch Sars-CoV-2 viel über die Chancen und Grenzen der Digitalisierung lernen: Video- und Web-Konferenzen, virtuelle Hackathons und digitale Einkaufsmöglichkeiten können für einige Zeit physische Treffen ersetzen, kreative Lösungen generieren und Konsumbedürfnisse stillen. Weniger Reisen hilft unserer Umwelt und gibt Familien die Chance, mehr zusammen sein zu können. Das ist gut und geht in die richtige Richtung. Gleichsam sind virtuelle Medien auch massive Energiefresser im direkten und im übertragenen Sinne. Wundern Sie sich nicht, wenn Sie nach einem „Web-Tag“ Kopfschmerzen haben oder gereizter sind als früher. Volkswirtschaftlich kann das zu enormen, post-coronalen Gesundheitskosten führen.

Virtuelle Konferenzen können die für komplexe Verhandlungen so notwendige Beziehungsnähe nur eingeschränkt schaffen. Wie können wir also die wichtigste Ressource jeder (Geschäfts-)Tätigkeit – VERTRAUEN – auch in virtuellen Räumen so gut als möglich entstehen lassen?

Und es stellt sich die Frage, wie eng wir die Matrix, in der wir leben, knüpfen möchten? Zum jetzigen Zeitpunkt können wir z.B. nicht auszuschließen, ob Netze, wie 5G, die Verbreitung von Viren, wie COVID-19, begünstigen.

Die Welt nach SARS-Cov-2

Wirtschaftlich sind gerade Plattformanbieter wie Amazon, Google, Microsoft, Facebook usw. die Riesengewinner der Krise (Amazon konnte z.B. binnen zehn Tagen den eigenen Börsenwert um 100 Milliarden Dollar steigern; was in etwa dem Gesamtbörsenwert von VW entspricht). Wenn sich dies ausweitet, werden wir eine so massive Verschiebung der Marktkräfte erleben, dass das Prinzip der freien Marktwirtschaft aus sich heraus kein Regulativ findet kann. Wir müssen diese weiterdenken. Post-coronal würde in diesem Fall bedeuten, die Plattform-Margengewinner gehen mit der Politik, Wirtschaftsverbänden und Vertretern der Zivilgesellschaft in einen echten Dialog. Gemeinsam kommen sie zu einer freiwilligen Selbstverpflichtung, einen Großteil ihrer Zusatzgewinne wieder in den Aufbau des Einzelhandels zu reinvestieren. Mit Hilfe eines entsprechenden Solidarfonds lässt sich das organisieren.

Parallel gilt es bei Datenschutz und Bürgerrechten sehr wach zu bleiben. Die Ausweitung bargeldloser Bezahlung oder das geplante "Corona-Tracking“ haben die Aufweichung dieser Standards mit im Gepäck. Datenschutz und digitale Grundrechte gehören also ganz nach oben auf eine Post-Corona-Agenda.

Ohne Kooperation und systemübergreifende Zusammenarbeit aller gesellschaftlicher Akteure ist jedoch die Bewältigung der Krise nicht zu schaffen. Das damit verbundene Positiv-Szenario können wir uns grob wie folgt vorstellen:

Je tiefgreifender und länger die Krise wird, desto mehr werden sich Kooperation und Solidarität als zentrale Steuerungsgrößen ausbreiten. Die, die noch viel haben, werden aus eigener, innerer ethischer Überzeugung anfangen, zu teilen. Wir werden erleben, wie die Kreativität und Digitalisierungskompetenz der "Jungen", gepaart mit der Krisenerprobtheit und Lebenserfahrung der "Alten", ganz neue Formen der Zusammenarbeit entstehen lässt. Immer mehr Menschen werden sich fragen: Warum gegeneinander, wenn es miteinander ebenso geht? Dies wird schrittweise die Mechaniken der Wettbewerbsgesellschaft zum Erodieren bringen.

Bereits heute können wir zum Beispiel auf dem Modell der Gemeinwohlökonomie aufsetzen und dieses anhand der praktischen Erfahrungen, die wir gerade täglich machen, in einem partizipativen Prozess, unter Einbindung aller gesellschaftlicher Akteure, weiterentwickeln.

Dabei müssen wir alles daransetzen, Lösungen aus der Krise in einem global-humanitären Zusammenhang zu denken. Dazu lohnt sich die Lektüre des Zeit-Artikels "Der Notstand ist doch längst Normalität!

Auf zwei Faktoren kommt es jetzt besonders an

Vernetzt denken. Corona zeigt uns, dass wir nicht mehr nur in linearen Ursache-Wirkungsbeziehungen denken dürfen. Die einzelnen (Funktional-)Systeme unserer Welt lassen sich nicht mehr so einfach trennen. Was in einem Biosystem gestartet ist, bringt unser Gesundheitssystem an den Rand seiner Kapazitäten, zwingt Politik zum Handeln, mit massiven Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, was wiederum auf unser soziales Miteinander wirkt, bei gleichsam positiven Folgen für unser Ökosystem. Parallel kommt es zu einer Verschiebung von Kulturtechniken, zu Gunsten digitaler Methoden (Web-Kommunikation statt Begegnung) und Prozesse (Online-Shopping, Streaming-Dienste, bargeldloses Bezahlen), die wiederum unser Wirtschaftssystem aus dem Gleichgewicht bringen, was erneut die Politik, das Rechtssystem und zunehmend mehr die Zivilgesellschaft zum Handeln zwingt, deren gesellschaftliche Rollen sich dadurch verschieben.

Vom Ich zum WIR. Jeder von uns sollte sich fragen: Handle ich Ich-orientiert oder bin ich im WIR? Das fängt beim Einkauf von Toilettenpapier an, geht über die Unterstützung von Schwächeren weiter und endet noch lange nicht bei der Frage, wie wir den eigenen Konsum gestalten, mit Eigentum und Besitz umgehen, Wirtschaftsketten organisieren oder globale Finanzmärkte neu denken.

Geschätzte LeserInnen, alles hat seine Zeit. Das gilt auch für große gesellschaftliche Entwicklungen. Der Einschnitt Corona beschleunigt das, was bereits da war: Den Übergang zu einer neuen Wirtschafts- und Lebensweise, hin zu einer post-digitalen Gesellschaft, in der wir vieles als leichter, authentischer, tiefer … letztendlich als Befreiung und echte Weiterentwicklung empfinden werden.

 

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