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Simplifizierung - die Gefahr der einfachen Lösungen

12.07.2018 ·  Einfache Lösungen sind wunderbar. Sie folgen einer nachvollziebaren Logik. Vor allem für ihre Erdenker sind sie praktisch. Erklärungen braucht man nicht. Denn jeder versteht die "augenscheinlichen" Zusammenhänge. Doch diese simplen Lösungen vernebeln den Blick auf die wirklichen Zusammenhänge.

Der Diplom-Psychologe Heinz Jiranek arbeitet seit über 30 Jahren als Coach. Kommunikation und Führung sind seine Themen. Dabei fokussiert er immer auf die Wirkung, nicht auf das Rezept. Denn die schnelle Lösung ist ihm suspekt. Sie liefert nur eine Schein-Sicherheit. Eine Erkenntnis aus seiner beruflichen Herkunft als Therapeut, die ihn bis heute begleitet. » http://www.jiranek.de

Albert Einstein wird die Aussage zugeschrieben: »Man muss die Dinge so einfach wie möglich machen, aber nicht einfacher.«

Kurz gesagt: Der Sensor ist vorhanden, aber die Auflösung der Messung ist zu gering. Wie bei einem Foto, das zu grob gepixelt ist. Man erkennt noch irgendetwas, aber es ist zu unscharf. Als würde man die gesamten meteorologischen Messungen und Berechnungen wieder durch Bauernregeln ersetzen. Irgendwie wollen wir ja die Welt da draußen, das, was ist, begreifen. Eine Messung (auch jedes Urteil, das wir fällen, gehört dazu: »Der Meier war heute sehr freundlich.«) versucht, das empirisch Gegebene auf etwas anderes, Zahlen oder Aussagen, abzubilden. Damit erkaufen wir uns, ob wir wollen oder nicht, die erste massive Reduktion. Das Foto ist nicht die Landschaft, die Speisekarte ist nicht das Essen, und die Aussage »sehr freundlich« ist nicht mehr als eine äußerst grobe Beschreibung eigener Gefühle oder beobachteten Verhaltens. Wir haben es bei der Frage, der Abbildung der Welt, damit zu tun, dass wir die Wirklichkeit auf ein paar Wahrnehmungspixel reduzieren.

Louis Carroll, Mathematiker und Autor von Alice im Wunderland verdanken wir die Geschichte , in der der Erzähler einer Figur namens Mein Herr, begegnet, und sich folgender Dialog entspinnt:

Mein Herr war derart verwirrt, daß ich lieber das Thema zu wechseln beschloß. »Wie nützlich doch so ein Faltplan ist!« bemerkte ich.

»Das haben wir ebenfalls von Ihrem Volk gelernt«, gestand Mein Herr, »das Herstellen von Karten. Aber wir haben es viel konsequenter getrieben als Sie. Was halten Sie für die größte noch brauchbare Karte?«

»Die im Maßstab eins zu zehntausend, also zehn Zentimeter für einen Kilometer.«

»Nur zehn Zentimeter!« Wunderte sich Mein Herr. »Wir waren schon bald auf zehn Meter für einen Kilometer. Dann haben wir es mit hundert Metern für einen Kilometer versucht. Und dann kam uns die allergroßartigste Idee! Wir haben wahrhaftig eine Karte im Maßstab eins zu eins von unserem Land gezeichnet!«

»Haben Sie sie schon oft gebraucht?« verlangte ich zu wissen.

»Sie ist bisher noch nicht entfaltet worden«, bekannte Mein Herr. »Die Bauern haben dagegen protestiert: Sie haben behauptet, das ganze Land würde zugedeckt und die Sonne ausgesperrt! Deshalb benutzen wir jetzt das Land selbst als Karte, und ich kann Ihnen versichern, das ist fast genauso gut.«

Man muss also immer aufpassen, dass die Urteile nicht zu einfach werden, aber es darf uns auch nicht wie Mein Herr gehen, der zum Opfer seines Präzisionswahns wird. Denn eine vollständige Beschreibung enthielte dieselbe Information, wie das, was sie beschreibt. Am anderen Ende: Schwarz oder weiß, Freund oder Feind, Smiley oder Frown (schöne neue Facebook-Welt), gut oder schlecht, wenn genau dies, dann genau das; in welche Beurteilungsbox kommt der Mitarbeiter, 1, 2 oder 3? Der Stoff aus dem Ideologien gewebt sind, ist immer der der Simplifizierung, die Basis jeder Demagogie besteht in der Banalisierung des Denkens. »If less is more, maybe nothing is everything.« (Rem Koolhaas) Im Geschäftsumfeld ist die Verliebtheit in den Mittelwert ein Klassiker, in die einzige Zahl, die alles aussagen soll, die aber genau die Feinheiten weghobelt. Es ist ein großer Unterschied, ob bei einer Mitarbeiterbefragung der gemessene Wert von 3,5 auf der 6er-Skala dadurch zustande kommt, dass er ganz gut die Stimmung der Befragten widerspiegelt, oder ob die Gruppe vollkommen gespalten ist, und eine Hälfte bei 1, die andere Hälfte bei 6 angekreuzt hat. Daher: Gehe nie durch einen Fluss, der im Schnitt einen Meter tief ist. In vielen Mitarbeiterbefragungen werden die einzelnen Skalenwerte abschnittsweise zu einem Mittelwert zusammengefasst – noch schlimmer, weil die Skalen, die da verquirlt werden, nicht selten völlig verschiedenes abfragen. Was ist der Mittelwert von drei Nashörnern, zehn Äpfeln, zwei Hochhäusern und 5 Euro? Sie haben sicher mitgerechnet: Das ergibt fünf.

Die Key Performance Indicators (KPI) waren eine gute Idee, weil hier der Versuch unternommen werden sollte, nicht zu viel und nicht zu wenig zu messen, sie sind aber ihrerseits in die Kritik geraten, weil sie oft die Schlüssel-Erfolgsfaktoren vernachlässigen; denn das Messbare ist nicht immer das Wichtige. Es ist wie auf dem Kassenzettel: Die Summe enthält deutlich weniger Information als die Liste der einzelnen Posten. Vereinfachungen entstehen durch Weglassen von Information. Wir müssen aber immer im Blick behalten, was wir weglassen.

Watzlawick hat den »schrecklichen Vereinfachungen« in seinem Buch Lösungen ein eigenes Kapitel gewidmet: »Dieses ganze Gemisch von Verleugnung und Verwerfung erfordert eine krasse Simplifikation der Komplexität gesellschaftlicher Systeme und, ganz allgemein, unserer modernen, interdependenten und sich rasch verändernden Welt. Diese Einstellung lässt sich nur dadurch aufrechterhalten, dass man sich weigert, die Komplexität anzuerkennen oder auch nur zu sehen, und diese Röhrenperspektive dann als realistische, anständige und aufrichtige Haltung der Welt gegenüber bezeichnet oder als ›konsequentes Festhalten an den Tatsachen‹.« Das Festhalten an der einfachen Interpretation wirkt im Regelkreis auf die Wahl der Lösung. Bekannt geworden ist der Lopez-Effekt: Die vereinfachende Fokussierung auf die Kostensenkung der Zulieferer führte zum kurzfristigen Erfolg, dann aber war die Kostensenkung für die Zulieferer nicht mehr machbar. Pleite der einen (Ausdünnung des Marktes der Zulieferer), Qualitätssenkung der anderen, Aufbau einer Gegenmacht durch Kartelle der Dritten). The Empire Strikes Back. Das war sicher nicht das Ziel der Intervention. Ganz abgesehen davon, dass das Nach-Verhandeln – zu Ungunsten des jeweils schwächeren Partners – der Kaufmannstugend »Treu und Glauben« krass widerspricht.

Die Abbildung der Messung auf das falsche Medium

Auf einen speziellen Fall der Vereinfachung möchte ich hier eingehen: Die Abbildung der Wirklichkeit (Messung) auf das falsche Medium. Das falsche Medium ist dabei häufig die Zahl. Man ist das so gewohnt. Markus Gabriel (der derzeit – 2016 – jüngste Philosophieprofessor in Deutschland) spricht von verschiedenen Gegenstandsbereichen. »Das Wohnzimmer kommt in der Physik schlicht nicht vor, Planeten schon.« Es gibt also Gegenstandsbereiche oder Sinnfelder, die sich einer materialistischen Messung durch Zahlen entziehen. Wir haben uns daran gewöhnt, Zahlen als das Mittel zur Beurteilung der sozialen Welt zu benutzen. Jeder beherrscht heute die Skalenfrage, zur Mitarbeiterbeurteilung liefert uns die Personalabteilung Bögen mit Skalen und Kästchen. Im Freitextfeld tragen wir dann nur noch ein, auf welches Seminar wir unseren Mitarbeiter schicken. Und es fehlt genau das, was wir eigentlich bereden wollen. Wenn der Paukist sich beim Orchester bewirbt, aber als Instrument nur Cello ankreuzen kann? So geschehen bei einem unserer Kunden: Die Mitarbeiter wurden in einem Fragebogen gebeten anzugeben, was Ihre Fähigkeiten seien. Viele Felder fehlten einfach. Freitext: Fehlanzeige. Durch solche Messverfahren wird die Kommunikation drastisch verengt. Als Menschen wollen wir aber in unserem So-Sein gesehen und angenommen werden, wir wollen, dass jemand mit uns über uns wirklich spricht. »Sein, dass verstanden werden kann, ist Sprache«, schrieb Hans-Georg Gadamer. »Denn keine wissenschaftliche Untersuchung wird uns jemals davon befreien können, die Regeln unseres Zusammenlebens immer wieder neu auszuhandeln, um sie auf eine vernünftige Grundlage zu stellen.«

Die Reduktion auf Zahlen und Skalenpunkte sehe ich als fortwährende Beleidigung des menschlichen Urteilsvermögens: Wir müssen wieder mehr miteinander reden!

Das Falsche messen

Hier sind es nicht der Messfühler und seine Kalibrierung, die das Problem erzeugen, sondern es wird schlicht das Falsche gemessen. Stellen Sie sich vor, der Thermostat Ihrer Heizanlage ist kaputt gegangen; ein hilfsbereiter Freund bietet Ihnen ein Ersatzteil an, Sie stimmen freudig zu und bauen es ein. Irgendwie funktioniert das Ding, aber erst wenn die Zimmer überhitzt sind, schaltet die Heizung wieder ab. Als Sie sich das Bauteil genauer ansehen, stellen Sie fest, dass Ihnen ihr Bekannter einen Hygrostaten, einen Feuchtigkeitsmesser, angedreht hat. Sie messen das Falsche. Wenn die Temperatur aber sehr hoch wird, dann sinkt auch die Luftfeuchtigkeit, und der Regler ist so eingestellt, dass er dann die Heizung abschaltet.

Vielleicht finden Sie dieses Beispiel absurd, aber ich behaupte, diese falschen Messungen sind uns heute selbstverständlich geworden und ich behaupte auch, dass sie viel Unheil anrichten.

Als einer der Bürgermeister von London im 19. Jahrhundert gegen die Rattenplage angehen wollte, setzte er für jede gefangene und abgegebene Ratte eine kleine Belohnung aus. Jeder sollte Ratten jagen, sie töten und sie abliefern. Eine Intervention in das System London-Ratten-Bewohner. Die Idee ging gründlich schief: Die Leute begannen, heimlich und in großem Stil Ratten zu züchten, um an die Prämie zu kommen!

Ziel: Rattenbestand verringern > Intervention: Ratten abliefern lassen, mit Prämie belohnen > Systemreaktion: Möglichst viele Ratten abliefern > Ratten züchten

Ergebnis: a) Der ursprüngliche, natürliche Rattenbestand vergrößert sich, denn er wird durch die Maßnahme nicht beeinflusst. b) Insgesamt gibt es eine periodische Zunahme an Ratten mit dem Risiko weiterer Vermehrung.

Der Soll-Wert des Systems wird nicht direkt gemessen, sondern über einen Parameter, von dem der Bürgermeister annimmt, dass er den Soll-Wert abbildet. Stimmt diese Annahme nicht, dann entsteht eine falsche Rückkoppelung in das System. Gemessen wird der Erfolg der Rattenzucht und nicht die Abnahme der Ratten. Damit wird das System pathologisch. Ziel und Ergebnis laufen auseinander.

Pharmaindustrie: Die Messung bei der Therapie einer Krankheit sollte am Endpunkt stattfinden. Bei einem Medikament, das präventiv gegen Herzinfarkte wirkt, sollte gemessen werden, wie sich die Herzinfarktrate mit dem Medikament verändert. Sehr häufig wird jedoch die Messung an einem Surrogat-Endpunkt vorgenommen, beispielsweise misst man den Cholesterinspiegel. »Solche Surrogat-Endpunkte bringen Probleme mit sich. Sie stehen oft nur wenig mit der echten Krankheit im Zusammenhang, in einem sehr abstrakten, theoretischen Modell, und werden zudem meist in der realitätsfernen Welt eines Inzucht-Versuchstieres entwickelt, das unter strenger physiologischer Kontrolle gehalten wird.« Nach dieser äußerst kritischen Ouvertüre erläutert der Autor präzise, welche Vielzahl von Bedingungen erfüllt sein müssten, um von einem Surrogat-Endpunkt auf einen tatsächlichen Endpunkt schließen zu können. Und selbst dann noch steht dieser Schluss nicht gerade auf festen Füßen. Regelkreistechnisch wird aber mit einem Surrogat-Endpunkt das Falsche gemessen.

Verschmutzungsrechte: Sie legalisieren Ressourcenverbrauch und Emissionen anstatt beides einzudämmen. Der Begriff selbst ist ein Oxymoron.

Die Einkaufsprozesse vieler Unternehmen scheinen mir auch die Rattenzüchter zu belohnen, obwohl die Grundidee wie bei fast allen pathologiegefährdeten Prozessen einer intelligenten Anfangsüberlegung entspringt. Aber erst einmal langsam: Wer über den Markt geht und Äpfel kaufen will, der sieht sich das Angebot an (Farbe, Sorte, Zustand, Geruch, Gefühl), blickt auf das Preisschild und trifft seine Einkaufsentscheidung. Das geht, weil der einzelne für sich verantwortlich ist. Auch Unternehmen kaufen ein, aber der Prozess muss ein anderer sein: »Wir können nicht jeden Ingenieur fragen, welche Dichtungen er gerne hätte.« Folglich werden Einkaufsprozesse zusammengefasst, vereinheitlicht, zentralisiert, ökonomisiert und so fort. Die Idee, ein klares Zahlenwerk über die extern angeforderten Waren und Dienstleistungen zu erhalten und damit auch die Einkaufsposition in manchen Bereichen zu stärken, diese Idee ist sicherlich von großem Vorteil. Sie funktioniert bei hohen Stückzahlen oder/und bei sehr klar definierbaren Spezifikationen am besten. Schrauben, Schreibmaschinenpapier, Büromöbel, Reagenzgläser oder Reagenzien und so fort. Aber beim Einkauf von Federn für Zündschlösser, beim Einkauf externer Trainer oder Berater, beim Einkauf eines neuen Abteilungsleiters und so fort, passen die Schrauben-Prozesse nicht mehr. So entstehen nicht zu unterschätzende Probleme für Unternehmen! Denn durch diesen Vorgang werden der Preis und der Wert entkoppelt. Natürlich nicht ganz, es gibt eine Beziehung zwischen beiden Größen, aber die ist nur korrelativer Natur. Der Wert beinhaltet alle materiellen und immateriellen Folgekosten eines Einkaufs. Ein gutes Beispiel ist hier die Automobilindustrie. Viele Rückrufaktionen lassen sich darauf zurückführen, dass die Suche nach dem immer noch billigeren Material Qualitätsverluste erzeugen musste! Weil es beispielsweise doch noch eine dünnere, günstigere Feder zum Einbau in Zündschlösser gab (GM 2014, vermutlich auch Todesfälle durch falsch funktionierende Zündschlösser). Die richtige Messung würde die Qualität von Produkt (und Zulieferer) in den Mittelpunkt stellen und erst später Preisunterschiede prüfen.

Systemtheoretisch betrachtet und auf unser Regelkreis-Modell übertragen, wird der Regelprozess mit Inhalten gefüttert, für die das Regelsystem nicht gebaut ist. Ich hatte bereits das Sender-Empfänger-Modell gebrandmarkt: Es ist für die Sende- und Empfangstechnik ein sinnvolles Modell. Für die Hersteller von Handys und Sendemasten. Die Übertragung allerdings auf den zwischenmenschlichen Kommunikationsprozess führt in die Irre.

Auch in meinem Bereich (Training, Beratung, Konfliktbearbeitung, Coaching) erlebe ich immer wieder, dass das Falsche gemessen wird. Die zentrale Variable bei Training und Beratung ist die nachhaltige Wirkung (NW). Es gilt, dass sich die effektiven Kosten (EK) einer Maßnahme aus dem Quotienten aus initialen Kosten (IK, durch die Teilnehmer investierte Zeit, Trainerhonorar, Raumkosten und so fort) und NW errechnen.

EK = IK/NW

Geht NW gegen Null, steigen die effektiven Kosten gegen Unendlich. Ein sinnloses Training oder gar eines, gegen das die Teilnehmer Widerstände entwickeln, kommt Unternehmen teuer zu stehen. Wenn der Einkauf den Fokus zu stark auf IK legt (was häufig der Fall ist), dann kann teurer Unsinn entstehen. Die EK werden sich erst zeitversetzt zeigen, IK kann man sofort messen. Schon Kirkpatrick hat in den 1950er-Jahren den Wert von Trainings- und Beratungsmaßnahmen auf vier Ebenen gemessen: 1. Wie empfinden die Teilnehmer die Maßnahme? 2. Ist irgendeine Form von Lernen eingetreten? 3. Wirkt sich dieses Lernen im Verhalten/Denken der Teilnehmer an ihrem Arbeitsplatz aus? 4. Profitiert das Unternehmen davon?

Kurz: Nicht, was eine Maßnahme kostet, ist entscheidend, sondern was sie bringt. Somit sind die Initialkosten vielleicht sogar der belangloseste Faktor. Ein schlechtes Training kann den Sinn von Trainings über lange Zeiträume verunglimpfen (»Wieder so ein doofes Psycho-Training!«). Zumindest müsste im Falle von Trainingsmaßnahmen das Urteil der Teilnehmer Gehör finden. Aber man misst eben lieber das, was sich leicht messen lässt und nicht das, was die höchste Aussagekraft hat.

Noch ein Beispiel: Man weiß, dass Konfliktkosten (im Internet findet man mittlerweile Konfliktkostenrechner) in der Regel sehr hoch sind. Naturgemäß schwanken die Zahlen, aber man kann wohl sagen, dass ein ausgewachsener Konflikt zwischen zwei Abteilungsleitern mit 50.000 bis 500.000 Euro per anno und noch mehr zu Buche schlagen kann. Welchen Sinn macht dann die Frage, ob der extern dazu geholte Konfliktmanager für einen Beratertag 500 Euro mehr oder weniger berechnet? Die einzig richtige Frage lautet: Kann der das oder nicht? Welche Reputation hat er? Was sagen andere, die mit ihm gearbeitet haben?

Die Entkoppelung von (Initial-)Preis und Wert stellt also eine falsche Rückkoppelung in das System dar, das ja eigentlich den Wert seiner Entscheidungen im Fokus halten muss. Ganz abgesehen davon, dass eine der Grundannahmen des Marktes, dass zwischen Qualität und Preis ein Zusammenhang besteht, in ihr Gegenteil verkehrt wird. Das ist eine Argumentationslinie, die ansonsten lautstark gerade von den Unternehmen verkündet wird, um die eigenen Preise zu erklären oder zu rechtfertigen, die auf der Einkaufsseite genau dieses Argument nicht gelten lassen. (Lopez-Effekt)

Dass die IT-Systeme selbst noch nach Jahren mit den falschen Messpunkten arbeiten, mag Folgendes anekdotisch verdeutlichen. Ich hatte 2014 einem Unternehmen mit einem Angebot meine Beratungsleistungen für eine bestimmte Fragestellung zukommen lassen. Das Angebot wurde akzeptiert. Die Bestätigung für meine Leistung enthielt den Hinweis: »Liefern Sie die Ware an Rampe 3 ab.«

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