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Wann ist ein Konflikt ein Konflikt?

Phlipp Karch

12.12.2019 ·  Je früher du sich anbahnende Konflikte wahrnimmst, desto effektiver kannst du ihnen entgegentreten. Denn wenn das Kind erst einmal in den Brunnen gefallen ist, schränken sich deine Handlungsoptionen radikal ein. Ähnlich verhält es sich auch mit Konflikten. Doch woran und wie erkennt man Konflikte im Vorfeld? Und wie dämmt man sie ein? Der Konfliktminimierer Philipp Karch weiß Rat.

Phlipp Karch

Philipp Karch ist Coach, Trainer und Speaker. Sein Spezialgebiet ist die Ärgerminimierung – die Basis für den souveränen und gelassenen Umgang mit Konflikten. Wenn nötig, bricht er gekonnt Tabus. Sein Motto: Tacheles reden. Und das mit Takt. » http://www.philipp-karch.de

Um die Entstehung von Konflikten schon frühzeitig zu erkennen, bedarf es einer gewissen Achtsamkeit und Empathie. Ich spreche immer von den sechs Wahrnehmungsebenen (mehr dazu in meinem Beitrag "Konfliktmerkmale richtig deuten"). Denn wer sein Bewusstsein schärft und Konfliktmerkmale rechtzeitig erkennt, ist klar im Vorteil. Erkannt, heißt aber nicht gebannt. Wie begegnet man Konflikten in einem so frühen Stadium?

Bislang galt deine Aufmerksamkeit in Gesprächen mit anderen möglicherweise ganz den Worten  beziehungsweise der Sache. Mit dem Wissen um die sechs Wahrnehmungsebenen kannst du künftig  deine Aufmerksamkeit zum Beispiel dreiteilen:

  • Das erste Drittel deiner Aufmerksamkeit bleibt bei deinen Gedanken und Worten. 
  • Das zweite Drittel schenkst du den inneren Wahrnehmungsebenen Körper (was spürst du?) und Seele (was fühlst du?) 
  • Und das dritte Drittel erhalten die äußeren Wahrnehmungsebenen Stimme und Körpersprache. 

Wozu? Weil du auf diese Weise aufkommende Konflikte besser wahrnehmen und unnötige Missverständnisse vermeiden kannst. Dieser Drei-Drittel-Ansatz ist natürlich nicht mathematisch messbar, sondern nur als Orientierung gedacht. Mit dieser neuen Haltung wirst du sensibel für aufkommende Konfliktpotenziale. Dein neues Motto könnte sein: »Vom Hardcore-Ich-Sender zur ausgewogenen Sende- und Empfangsstation«. Vielleicht musst du dein Sprechtempo etwas drosseln, doch dafür beugst du vermeidbaren Konflikten vor.

Vorrang von Körper und Stimme

Glaubst du, wie viele andere Menschen auch, dass Worte das Wichtigste in der Kommunikation sind? Weit gefehlt. Wissenschaftlich wurde mehrfach bewiesen, dass Stimme und Körpersprache in vielen Situationen wesentlich mehr zur Gesamtbotschaft beitragen als der reine Wortlaut. Die entsprechenden Zahlenwerte sind gravierend. Mehrabian (www.kaaj.com/psych/smorder.html) fand in einer Studie heraus: Worte transportieren manchmal nur 7 Prozent, die Stimme etwa 38 Prozent, während die Körpersprache bis zu 55 Prozent des Eindrucks ausmachen kann, den andere von uns bekommen. Vor allem wenn Menschen über ihre Einstellungen oder Gefühle sprechen. Hieraus lässt ich ableiten: Wer eine gute Wahrnehmung für Stimme und Körpersprache hat, hat gute Chancen, sich anbahnende Konflikte frühzeitig wahrzunehmen. In drei Schritten zu deiner neuen Wahrnehmungskompetenz Wie kannst du diese wichtige Fähigkeit zur Konfliktprävention systematisch aufbauen? Ich schlage drei Schritte vor. Schritt 1 bezieht sich auf deine Rolle als Empfänger, Schritte 2 und 3 auf deine Rolle als Sender:

  • Schritt 1: Wenn dein Gegenüber spricht, achte nicht nur auf die verbalen, sondern auch auf die paraverbalen und nonverbalen Botschaften Warum? Weil du dann ein deutlich umfangreicheres Bild von der Gesamtbotschaft deines Gegenübers erhältst. Du glaubst nicht mehr so schnell nur den Worten, sondern schaust beziehungsweise hörstauch dahinter. Damit prüfst du, ob deine anfängliche Deutung tatsächlich stimmt.
  • Schritt 2: Wenn du sprichst, achte ebenso nicht nur auf deine Worte, sondern auch auf deine Stimme und deine Körpersprache Warum? Weil dir deine paraverbalen und nonverbalen Signale wertvolle Informationen über dich selbst geben können, die dir vielleicht noch gar nicht bewusst sind. Zum Beispiel könnte deine etwas erhöhte Stimme darauf hindeuten, dass du nervös bist, woraufhin du unmittelbar KANALisieren könntest – siehe auch Blogbeitrag Abkühlen im KANAL.
  • Schritt 3: Wenn du sprichst, achte du nicht nur auf das externe VPN, sondern auch auf das interne KGS Warum? Weil du dich dann noch selbstreflexiver im Prozess wahrnimmst und schneller gegensteuern kannst, bevor sich Dinge unschön verselbstständigen. Auch hier kann dir der KANAL wieder helfen. 

 Schön und gut. Es leuchtet dir ein, dass die sechs Wahrnehmungsebenen wichtig sind für die Deeskalation und du bist bereit, ihnen mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Was kann dennoch bei der Umsetzung schiefgehen? Ich sehe vier Risiken:
 
Verführung durch die Sachebene – keine Lust auf Entschleunigung Dir ist zwar klar, dass es im Sinne der Konfliktprävention sinnvoll wäre, auf die Wahrnehmungsebenen zu achten, aber du verspürst keine Lust dazu. Warum? Weil es dich bremsen würde. Wenn du die  Wahl zwischen »nur Reden« auf der einen Seite und »Reden und Auf-sechs-Wahrnehmungsebenen-achten«, dann ist klar: Das erste geht schön schnell; das zweite kann ewig dauern. Zugunsten der Effizienz also für die Geschwindigkeit und gegen die sechs  Wahrnehmungsebenen.
 
Was jedoch zunächst als Vorteil erscheint, kann sich später leicht als Trugschluss entpuppen: Zwar hast du schnell mitgeteilt, was Sache ist, dafür aber auch den einen oder anderen Konflikt ausgelöst. Oder nicht mitbekommen, dass bereits einer existiert. Und das ist sehr riskant, wie wir im nächsten Blogbeitrag zu den Eskalationsstufen noch sehen werden. Du hast also die Wahl: entweder schnell und riskant Mitteilungen loswerden oder entschleunigt und bewusst durch schwierige Gefilde navigieren. Du wirst selbst entscheiden, was letztlich günstiger ist.

Überforderung

Du bist gewillt, auf alle sechs Wahrnehmungsebenen zu achten, doch du scheiterst. Der Wille war da, doch dein Kommunikationsapparat (noch) zu schwach. Und weil es beim ersten Mal nicht geklappt hat, denkst du: »Das war’s. Ohne mich. Ist mir viel zu kompliziert.« Du gibst auf, weil du zu schnell Erfolge erwartet hast. Sei gnädig mit dir. Und hartnäckig. Gelassen-zuversichtlich-hartnäckig. Es braucht nur Übung. Tägliche Übung. Immer wieder innehalten und hinschauen. Weg vom bloßen Senden und der Wortfixierung, hin zu einem ausgewogenen Miteinander von Senden und Empfangen sowie ein Blick auf externe und interne Signale. Alles machbar, wenn der Wille da ist.

Verwirrung bei widersprüchlichen Signalen

 

Weder lässt du dich von der Sachebene verführen noch erlebst du eine Überforderung. Du bist einfach nur verwirrt. Das, was du hörst, passt einfach nicht zu dem, was du siehst: Die Worte passen nicht zur Stimme, die Stimme passt nicht zur Körpersprache, und die Körpersprache passt nicht zu den Worten. Stichwort „Inkongruenz“. Wie sollst du da verstehen, was beim anderen los ist? Statt dranzubleiben, gibst du auf. 
Wenn du solch widersprüchliche Botschaften wahrnimmst, hake höflich-offensiv nach. Sprich an, was du gehört und gesehen hast. Bring dein Gegenüber dazu, klarer und eindeutiger zu kommunizieren. Lass nicht locker, bis verbale, nonverbale und paraverbale Ebenen zueinander passen. Du gehst dem anderen damit vielleicht auf den Geist. Doch vielleicht ist das genau der Weg, den du zu gehen hast, um am Ende weniger rätseln zu müssen. Deine Freundschaft beziehungsweise Bekanntschaft wird das aushalten.

Fehldeutungen

Du hast alles richtiggemacht – kein Widerwille, keine Überforderung, keine Verwirrung. Doch du hast
etwas missverständlich interpretiert. Dein Gegenüber hat die Arme verschränkt, und du denkst: »Aha,
der geht gerade in den Widerstand!« Dabei hat er es sich nur bequem gemacht, wie du später
rausfindest. Hättest du nichts Falsches hineininterpretiert, hätte die Unterhaltung einen guten Verlauf genommen. So aber hast du sie unnötig verkompliziert. Und du entscheidest dich, künftig noch weniger auf die Wahrnehmungsebenen zu achten, wobei du bei Risiko-Nummer 1 angekommen wärst. Trotz all dieser Risiken, bleibt festzuhalten: Der Blick auf die Wahrnehmungsebenen lohnt sich, denn er liefert wertvolle Informationen über das, was unter der sichtbaren Oberfläche verborgen sein könnte. Bertolt Brecht hat mal gesagt: »Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.« Übertragen auf die sechs Wahrnehmungsebenen können wir formulieren: Wer versucht hinzuschauen, kann verlieren, im Sinne von »sich irren«. Wer bewusst nicht hinschaut, hat schon verloren, im Sinne von »vorsätzliche Ignoranz« und damit Einwilligung in ein erhöhtes Konfliktrisiko.

Und nun?

Konflikte lassen sich auf bis zu sechs Ebenen wahrnehmen. Drei Ebenen sind intern beobachtbar (Körper Geist und Seele – KGS), die anderen drei extern (verbal, paraverbal, nonverbal – VPN). Die sechs Wahrnehmungsebenen sind keine Zauberei. In deinen ersten Lebensjahren hast du sie alle gelernt, es gilt jetzt nur, sie wieder zu entdecken. Es geht primär nicht um deine Fähigkeit. Es geht primär um deinen Willen, sich dieser Aufgabe zu stellen. Weil die Arbeit sich lohnt, wirst du sie wahrscheinlich angehen. Wenn wir über Konfliktwahrnehmung sprechen, sollten wir auch über Konfliktdynamiken sprechen, denn auch sie haben viel mit Wahrnehmung zu tun. Wie wir im nächsten Blogbeitrag sehen werden, können Konflikte je nach Ausprägungsform bestimmten Phasen beziehungsweise Eskalationsstufen zugeordnet werden. Und wie wir auch sehen werden: Je fortgeschrittener ein Konflikt, desto schwieriger ist es, ihn zu bewältigen.

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