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Warum sehen wir die Dinge immer so negativ?

Jürgen Balhuber

07.11.2019 ·  Und da ist es schon wieder: "Ja, aber, ...". Wir sind Meister darin, das Haar in der Suppe zu finden. Aber warum fokussieren wir uns meistens - fast automatisch - auf das Negative? Antworten darauf liefert Jürgen Balhuber und illustriert, warum wir unseren Fokus Richtung Positives verschieben sollten.

Jürgen Balhuber

Jürgen Balhuber hat eine Mission: Inspirierende Führung für Menschen in Führungsverantwortung. Seit mehr als 23 Jahren ist er Trainer, Mentor, Speaker und hat umfangreiche Projekterfahrung in Konzernen und mittelständischen Unternehmen. Neben eigenen Workshops zur Selbstentwicklung begleitet er Führungskräfte im Kontext von Heinz Kaegis „moving leaders from hard work to heart work“, um Erfolg und Erfüllung zu vereinen. » http://www.juergen-balhuber.de

Pro Sekunde nehmen wir die unglaubliche Menge von vier Gigabyte Informationen wahr. Für die EDV-Techniker unter euch ist die Angabe vier Gigabyte sofort einzuordnen und aussagekräftig. Für die anderen hier ein Vergleich, damit ihr euch die Zahl genauer vorstellen könnt: Vier Gigabyte pro Sekunde sind vergleichbar mit zwei Millionen DIN-A4-Seiten pro Sekunde. Das entspricht einem Stapel von zweihundert Metern DIN-A4-Blätter pro Sekunde.

Nur einen Bruchteil dieser Informationen nehmen wir bewusst wahr, der Rest wird zwar verarbeitet, gelangt aber nicht an die Oberfläche unseres Bewusstseins.

Nahezu nichts von dem, was wir wahrnehmen, ist uns also bewusst! Nur ein mikroskopisch kleiner Teil gelangt an die Oberfläche; das meiste bekommen wir überhaupt nicht mit

Unser Fokus bestimmt, was wir bewusst sehen

Du kennst das bestimmt: Du willst ein Auto kaufen und hast ein bestimmtes Modell im Auge, vielleicht sogar eine bestimmte Farbe. Nun siehst du überall auf der Straße dieses Modell in deiner Wunschfarbe.

Oder in deiner Familie wird es bald Nachwuchs geben beziehungsweise du erwartest selbst ein Kind. Und nun siehst du überall schwangere Frauen, Babys und Kinderwagen und in den Zeitschriften springen dir Artikel zum Thema Kindererziehung ins Auge.

Was wir sehen, hängt also von unserem Fokus ab. Egal, ob uns dieser bewusst oder unbewusst ist.

Was lenkt unseren Fokus?

Wenn wir unseren Fokus nicht bewusst steuern, erledigt das unsere Prägung: Das, was wir bereits erlebt haben, bestimmt, was wir wahrnehmen und wie wir das tun. Dabei sind wir keineswegs neutral – auf neunzig negativ gefärbte Wahrnehmungen kommen nur zehn positiv gefärbte. Das klingt ganz schön viel, und ja, das ist auch wirklich viel! Dieses Verhältnis gilt übrigens für Optimisten und Pessimisten gleichermaßen. Der Unterschied ist nur, dass Optimisten, im Gegensatz zu Pessimisten, nur kurz in der Negativität bleiben und schneller umschalten können.


Warum ist unsere Wahrnehmung so negativ gefärbt?

Für das Verhältnis von 90:10 negative zu positiver Wahrnehmung gibt es drei Gründe:

  • Biologische Determination

    Weil der Auftrag in grauer Vorzeit schlicht »Überleben« lautete, nehmen wir alles fokussiert wahr, was uns gefährden könnte. Wir waren – und sind! – also auf das Erkennen von Negativem ausgerichtet, weil unser Kernauftrag Überleben lautet.

    Heute kann für uns in der westlichen Welt das Überleben als gesichert gesetzt werden. Trotzdem ist unsere Wahrnehmung immer noch genauso ausgerichtet wie vor Tausenden von Jahren. Doch dieser Fokus aufs Überleben sorgt lediglich dafür, dass wir Gefahren frühzeitig erkennen – nicht aber dafür, dass wir glücklich leben, Freude sehen, inspirierend und wertschätzend sind.

  • 2. Wir haben es gelernt

    Im Kindergarten, im Elternhaus und in der Schule wurden wir immer wieder darauf aufmerksam gemacht, was falsch ist und was nicht gut läuft – auf Fehler also. Ein Kind hört von seinen Eltern bis zum achtzehnten Lebensjahr durchschnittlich zweihunderttausend negative und kleinmachende Aussagen: »Wenn du nicht brav bist, gibt es kein Eis«, »Wenn Erwachsene sich unterhalten, hast du still zu sein«, »Geh da weg, dafür bist du noch zu klein«, »Das kannst du nicht«, »Das ist nichts für Kinder« et cetera. Irgendwann hat es jedes Kind begriffen und für immer verinnerlicht.


  • Physiologisch gesehen sind wir eine Frühgeburt

    Deswegen sind wir bis zum dritten Lebensjahr (und in Wahrheit noch viel länger) abhängig von unserer Umgebung; wir können nicht alleine überleben. Als Kind ist man vielem machtlos ausgeliefert und entwickelt daher ein Frühwarnsystem für Situationen, die Ohnmacht auslösen. Trotzdem erlebt ein Kind oft Situationen, die es nicht beeinflussen kann, und natürlich hinterlässt das eine Prägung: Wann immer wir im späteren Leben ohne Macht sind – uns ohnmächtig fühlen –, reagieren wir aus dieser Prägung heraus und erleben das negative Gefühl erneut. Daher achten wir auf alles, was bei uns Ohnmachtsgefühle erzeugt, richten also den Fokus auf die Ohnmacht. Natürlich geschieht dies ursprünglich, um dieses Gefühl zu vermeiden. Doch steuert eben jeder Fokus die Aufmerksamkeit und Energie. Und – denken wir an die fünf Blumentöpfe – alles, was mit Aufmerksamkeit und Energie versorgt wird, wächst. Auch wenn es das Negative ist, was wir an sich nicht wollen.

Unsere Wahrnehmung steht unserem Glück im Weg

Es liegt also unter anderem an unserem Urprogramm »Überleben«, dass unsere Wahrnehmung extrem negativ ist. Wie wir gesehen haben, handelt es sich dabei aber um ein überholtes Vorsichtsprogramm unserer Vorfahren, das heutzutage eigentlich obsolet ist.

Wer nicht glaubt, dass wir im Kopf viel Negativität abgespeichert haben, sollte mal alten Menschen genau zuhören: Nur wenigen von ihnen gelingt es, sich auf positive Erlebnisse zu fokussieren – umso inspirierender natürlich, wenn man einmal jemanden trifft, der nicht in Negativität gefangen ist, sondern bewusst das Gute sieht.

Wenn ich in Seminaren über den negativen Fokus spreche, kommt häufig der Einwand, dass wir uns in Rückwärtsbetrachtungen doch oftmals positiver erinnern. Das stimmt zwar: Wenn wir uns selektiv und bewusst zurückerinnern, zum Beispiel an unsere Kindheit, dann denken wir oft an positive Erlebnisse, wir werden nostalgisch und neigen dazu, die Vergangenheit in sanften Farben zu sehen.

Doch bei einem unmittelbaren, unbewussten Zugang zu den gespeicherten Inhalten über Assoziationen kommt wieder unser 90:10-Verhältnis zum Tragen – die meisten Gedächtnisinhalte sind negativ gefärbt.

Wir sprechen, wie wir denken

Auch unsere Sprache, die ich gern als Drucker des Gehirns bezeichne, weil wir uns über sie ausdrücken, ist entsprechend unseren gespeicherten Informationen ausgeformt. Im Normalfall ist unsere Sprache sehr negativ. Das fällt uns nicht ohne Weiteres auf, da es sich um ein kollektives sprachliches Phänomen handelt, sprich: weil fast alle so sprechen.

Gönne dir einmal eine Tasse Cappuccino im Straßencafé und höre genau zu, worüber und wie sich die Menschen so unterhalten. Es geht hier nicht um eine inhaltliche Wertung, nur darum zu erkennen, dass negative Sprache sehr häufig zu beobachten ist.

Vorher solltest du dir genau bewusst machen, was alles negative Sprache ist. Frage ich zum Beispiel nach, wie das Essen war, höre ich je nach Region folgende Aussagen: »Ned schlecht« (Bayern), »Ned gschimpft isch au globt« (Baden-Württemberg), »Bassd scho« (Franken), »Geht wohl« (Norddeutschland), und wieder woanders heißt es »Zum Verdauen taugts«. Ganz selten höre ich: »Es war sehr gut« oder ähnlich.

Unser Fokus steuert Energie

Neben der Wahrnehmung (sehen, hören, fühlen) gibt es einen weiteren Aspekt, der den Fokus einer Person ausmacht. Wichtig ist nämlich auch, was und wie ich über etwas denke, wie ich über etwas spreche und wie ich mich verhalte.

Ein Negativbeispiel: Fokus auf »Ich will nicht …«

Neulich war ich beim Essen und neben mir saß ein Pärchen. Als der Kellner kam, um die Bestellung aufzunehmen, sagte die Frau am Nebentisch: »Also ich will heute mal keinen Fisch und kein Fleisch.« Darauf der Kellner: »Wollen Sie vielleicht Nudeln essen?« Sie antwortete: »Nein, Nudeln will ich auch keine, die liegen mir immer so schwer im Magen.« Das ging noch eine Weile so weiter, bis ihr Mann etwas energischer meinte: »Weißt du denn jetzt, was du willst?« Sie: »Nein, ich weiß heute nur, was ich nicht will.«

Auch das ist ein Fokus – auf das, was ich nicht will. So werde ich allerdings bestimmt nie bekommen, was ich will – wenn ich es denn überhaupt je herausfinde …

Wenn ich eine Vision mit starker Sogkraft habe, bin ich auf diese Vision ausgerichtet. Das gibt mir Orientierung und Entscheidungssicherheit, weil ich immer genau weiß, was ich will und wofür ich etwas tue. So kann ich laserstrahlgenau meinen Fokus (und meine Energie) auf das ausrichten, was ich erreichen will.

Durch unsere natürliche Wahrnehmung ist der Fokus ohnehin schon auf die negative Seite gerichtet. Umso schwerer fällt es uns, umzuschalten und bewusst und auf Dauer einen konstruktiven, nach vorn gerichteten Fokus beizubehalten. Besonders, wenn uns ein Thema stark berührt und aufregt.

Sinnvoll wäre es, wenn wir unseren Fokus bewusst wählen und nach Bedarf umschalten könnten. Im Prinzip ist das auch möglich – mit einem bewussten Training und ritualisierten Verhalten ist das auf jeden Fall erlernbar.

Positivbeispiel: Fokus auf Lösungen

Einer meiner Freunde hat eine unglaubliche Ausstrahlung und ein positives und gewinnendes Wesen. Interessant ist bei ihm zudem die Fähigkeit, sofort in Lösungen zu denken. Taucht irgendwo eine Herausforderung auf, schaltet er sofort und automatisch in den Lösungsmodus um: »Wie kann ich das lösen, welche Optionen gibt es dafür und was wäre die optimale Lösung?« All seine Energie ist gleich in Richtung Lösungsfindung und -umsetzung gerichtet, sodass er ein Thema (er würde nie »Problem« sagen) meist sehr schnell proaktiv meistern kann.

Auf die Frage, wie das kommt, sagt er, dass er schon als Kind von seinem Vater darauf getrimmt wurde, bei egal welchem Thema gleich zu überlegen, welche Lösungen dafür möglich sind und wie er die Situation am besten aus eigener Kraft meistern kann. Seine Lösungsorientierung steckt also tief in ihm drin, sie ist in seiner Einstellung begründet.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man auch nachträglich seine Einstellung verändern und so einen Fokus auf Lösungen verankern kann. Mehr dazu, wie das funktionieren kann, findest du im Kapitel 3 Einstellung.

Den Fokus im Alltag ändern

Wenn wir die Dinge weiterhin im Verhältnis 90:10 wahrnehmen, werden wir zwar überleben, aber wenig Glück und Freude erleben. Wir bleiben dann Defizitdenker, die vor allem sehen, was ihnen (noch) fehlt. Wenn du mehr vom Leben haben willst – gute Momente, Freude, Glück, mehr Zufriedenheit und Gelassenheit –, könnte es dir helfen, deinen Fokus zu verändern. Das hat übrigens nichts mit positivem Denken zu tun. Es gibt immer positive und negative Aspekte an einer Sache. Es geht darum, die positiven Dinge bevorzugt wahrzunehmen und die Energie auf sie zu lenken.

Keine Angst, du wirst keine 10:90-Umkehr schaffen und die Welt auch weiterhin noch normal wahrnehmen. Es geht um eine kleine Verschiebung in den positiven Bereich. Du wirst dann immer noch zur Seite springen, wenn hinter dir ein Auto hupt. Denn deine Urprogramme werden nach wie vor funktionieren und dein Überleben sichern. Aber du wirst wieder die Blumen am Wegesrand und all die anderen schönen Dinge sehen, überhaupt die kleinen Selbstverständlichkeiten wiederentdecken, die im Grunde nicht selbstverständlich sind.

Es kann sein, dass die Fokusänderung bewirkt, dass du positive Visionen entwickelst und immer mehr Möglichkeiten entdeckst, wie du sie Stück für Stück wahr werden lassen kannst. Wenn du deinen Fokus veränderst, wirst du generell wahrscheinlich mehr gute Momente erleben und bei Herausforderungen schneller in Richtung Lösung blicken. Du wirst dann auch anders über solche Situationen denken und sprechen.

Eine »Warnung« vorab: Wenn du wirklich daran gehst, deinen Fokus zu ändern, stellst du möglicherweise fest, dass das eine anspruchsvolle Sache ist. Wie schwer dir die Änderung fällt, hängt davon ab, wie deine Wahrnehmung heute ist und wie sehr du dir ihrer bereits bewusst bist. Wer kleine Kinder hat, tut sich übrigens mit deren Hilfe etwas leichter, denn die Kleinen sind noch sensibler für positive Eindrücke – sie sehen die Welt noch nicht im 90:10-Modus. Auch die Begegnungen mit anderen Menschen könnten sich verändern, wenn dir auffällt, dass andere bevorzugt negativ wahrnehmen und mit Lob, Wertschätzung und positiven Sichtweisen eher sparsam unterwegs sind.

Wie kann ich meinen Fokus selbst steuern?

Um deinen Fokus selbst zu steuern, ist es wichtig, dass du dir dessen bewusst wirst, wie unsere normale, meist negative Wahrnehmung funktioniert. Nur so kannst du aus dem Wahrnehmungs- und Bewertungsautomatismus aussteigen. Im zweiten Schritt geht es dann darum, den Fokus bewusst auf Konstruktives und Positives zu lenken und dies verstärkt zu trainieren und zu ritualisieren.

Den neuen Fokus ritualisieren

Ziel ist, einen Fokus zu ritualisieren, der auf Positives ausgerichtet ist, und ihn im Alltag zu etablieren. So wird dein neuer Fokus im Laufe der Zeit zu einer neuen konstruktiven Gewohnheit. Er sorgt dafür, dass du gleichzeitig deine Gedanken neu ausrichtest, ebenso deine Wahrnehmung und deine Sprache, die aus deinem Denken resultieren.

Um das zu erreichen, sind aus meiner Sicht am besten Rituale geeignet, die du im Alltag einfach und gut etablieren kannst. Zum Beispiel kannst du dir, falls du deinen Tag mit Yoga oder einem anderen Morgenritual beginnst, fünf Punkte vor Augen halten, auf die du dich heute freust. Weitere Ideen von Teilnehmern meiner Seminare findest du weiter unten.

Umschalten auf »Was ist gut daran?«

Dieses Ritual ist sehr hilfreich, wenn etwas schiefläuft und sich ganz anders entwickelt, als du dir das vorgestellt hast. Meine Empfehlung ist, dass du dann kurz innehältst und dich fragst: »Was ist gut an der Situation?«, und: »Was könnte mir jetzt helfen?«

 

 

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