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Wie die Lebensfreude verloren ging

Henryk M. Mioskowski

09.11.2017 ·  Lebensfreude und Glück zu empfinden ist in erster Linie eine Frage der Wahrnehmung und der persönlichen Definition, jedenfalls für Erwachsene. Kinder definieren nicht. Sie sind einfach intuitiv lebensfroh. Sie suchen permanent nach Anlässen für Frohsinn und sie finden sie auch im Überfluss. Wie fantastisch wäre es doch, wenn es so bliebe. Je älter erwachsene Menschen werden, desto mehr wünschen sie sich den kindlichen Frohsinn zurück. Doch wann und wie ging er verloren?

Henryk M. Mioskowski

Henryk M. Mioskowski ist Innovationscoach, Ideentrainer und gefragter Speaker. Nach einer Kaufmannslehre und der Tätigkeit als selbstständiger Vertriebscoach leitet er heute Ideenfindungs- und Innovationsworkshops bei den IDEEOLOGEN®. Als Sohn einer Lehrerin hinterfragte er schon in der 5. Klasse die Wirksamkeit klassischer Lernmethoden und wird als Vater zweier schulpflichtiger Kinder tagtäglich mit den potenzialraubenden Einflüssen unseres Bildungssystems konfrontiert. Ein Umstand, der ihn inspiriert hat, Wege zu finden, wie neue Denkansätze im Bildungssystem und der Wirtschaft den kreativen Anforderungen der Zukunft gerecht werden.  » http://

Lebensfreude und Glück zu empfinden ist in erster Linie eine Frage der Wahrnehmung und der persönlichen Definition, jedenfalls für Erwachsene. Kinder definieren nicht. Sie sind einfach intuitiv lebensfroh. Sie suchen permanent nach Anlässen für Frohsinn und sie finden sie auch im Überfluss. Wie fantastisch wäre es doch, wenn es so bliebe. Je älter erwachsene Menschen werden, desto mehr wünschen sie sich den kindlichen Frohsinn zurück. Doch wann und wie ging er verloren?

Auf meinen vielen geschäftlichen Reisen beobachte ich meine Mitmenschen sehr aufmerksam. Ich gehe durch die Bahnhofshallen großer Städte und studiere Gesichter. Körpersprache zu lesen ist eine meiner Leidenschaften. Passanten mit einer frohen Mimik sind seltene Ausnahmen. Die meisten sind sehr mit sich selbst beschäftigt, schauen ernst und nehmen von ihrer Umwelt wenig Notiz. Einigen hängen die Mundwinkel schon morgens nach unten, als wenn sie ihr Besteck beim Frühstück gegen eine Sichel getauscht hätten.

Dennoch lassen sich manche von ihnen mit einem ausgesandten Lächeln animieren und lächeln zurück. Das lässt mich hoffen.

Verlorene oder nicht ausgedrückte Lebensfreude scheint auch ein von sozialen Schichten unabhängiges Phänomen zu sein. Menschen mit Luxusuhren, handgemachten Schuhen und Maßanzügen schauen nicht fröhlicher als der Schnorrer an der nächsten Ecke. Auch die Wagenabteile der ersten Klasse sprühen nicht gerade vor Lebensfreude. Sollten Sie jetzt gerade im Zug sitzen und diese Zeilen lesen, schauen Sie sich bitte um …

Ich freue mich auf jeden Bericht über und mit frohen Reisenden.

Sollten Sie jedoch alleine sein, lächeln Sie einfach!

Menschen, die mir in Bahnhöfen und auf Flughäfen begegnen, stelle ich mir einfach zehn bis sechzig Jahre jünger vor. Keines der Kinder, die ich nun sehe, richtet den Blick ernst geradeaus, ist in ein angespanntes Telefonat vertieft oder regt sich über Zugverspätungen und Sicherheitskontrollen auf. Sie verhalten sich eben, wie wir es von ihnen kennen und erwarten. Neugierig erkunden sie die Umgebung, finden zu jedem Detail, das ihnen auffällt, unterhaltsamen Gesprächsstoff, lachen und tollen herum. So angenehm, fast kitschig verklärt dieses Bild auch ist, so weit entfernt ist es leider von unseren existierenden Verhaltensmustern in der Erwachsenenrolle.
Wo verläuft aber diese Trennlinie, die Kinder und Erwachsene scheinbar in zwei verschiedene Welten dividiert? Oder akzeptieren wir einfach die Tatsache: Kinder sind tendenziell lebensfroh, Erwachsene sind es eben nicht (mehr).
Das wäre eine klare und gleichzeitig zu einfache Differenzierung.
Ich habe deshalb den Versuch unternommen, eine Erklärung aus weiteren Beobachtungen herzuleiten. Auffällig ist der Unterschied in der Art der aktiven Wahrnehmung. Während Kinder permanent wachsam ihre Umgebung nach Inspirationen scannen, tun Erwachsene dies nicht.

Wir suchen nicht mehr! Wir glauben, wir hätten bereits alles gefunden!

Woher nehmen wir diese arrogante Abgeklärtheit?
Woraus ist die Annahme entstanden, in unserer Umgebung gäbe es nichts Neues, das uns inspirieren und zu einem frohen Gedanken verführen könnte?
Weshalb degradieren wir wundervolle Errungenschaften unserer Zeit so schnell zu Nichtigkeiten?
Technologien in der Medizin, die uns den Erhalt der Gesundheit bis ins hohe Alter sichern, nehmen wir als Selbstverständlichkeit wahr. Kommunikations- und Informationstechnologien lassen uns näher und schneller zusammenkommen, und wir nutzen sie, um uns sozial zu isolieren.
Mühsam in Jahrzehnten geschaffene, gesellschaftliche Pfeiler wie Frieden, Meinungsfreiheit und Wohlfahrt erfahren von uns keine wesentliche Aufmerksamkeit mehr. Sie sind einfach selbstverständlich.
Es geht mir hier nicht darum, ein Rezept für die rosarote Brille auszustellen.
Alle hier beispielhaft genannten Felder werden uns in Zukunft eine Menge Arbeit und Leidenschaft abverlangen, um sie zu erhalten und neu zu denken. Das Bildungssystem ist eines dieser Felder. Neue, heute noch unvorhersehbare Themen werden uns zusätzlich beschäftigen. Viele Missstände, die heute täglich neue Gesichter bekommen, sind mit Zuversicht und Kreativität anzugehen. Dafür brauchen wir viel mehr Lebensfreude als die, die man den Menschen in ihren Gesichtern ablesen kann.

Irgendwann auf dem Weg, große, ernste Menschen zu werden, haben wir begonnen, den Mangel zu fokussieren.

Wir sehen eher das, was uns fehlt, als das, was wir haben und sind. Das unterscheidet eben Kinder von Erwachsenen. Hier verläuft aus meiner Sicht die Trennlinie.

Nach einer Emnid-Studie und einer aktuellen Gallup-Umfrage sind wir Deutschen Weltmeister im Pessimismus und der Schwarzseherei. Die Befragten plagt die Angst vor Jobverlust, Krankheit, Überfremdung und Krieg, und das vor dem Hintergrund, dass wir den dritthöchsten Lebensstandard in Europa haben. Was läuft hier falsch?

Schauen wir auf die Ergebnisse des »World Happiness Report« der Columbia-Universität New York, leben die glücklichsten Menschen der Welt in Dänemark. Zugegeben liegt Dänemark im Lebensstandard mit Deutschland gleichauf. Für Glück und Lebensfreude machen die Dänen jedoch gegenseitiges Vertrauen, Zeit für die Familie und Respekt verantwortlich. Dänische Arbeitgeber berücksichtigen überwiegend familiäre Bedürfnisse und bieten flexible Arbeitszeitmodelle an.

Dass der Lebensstandard nicht der Maßstab für Glück und Lebensfreude sein kann, zeigt die Positionierung der Länder Costa Rica und Puerto Rico im Ranking noch vor Deutschland. Wir belegen laut dem Report nur den 16. Platz.

Medien und die Leistungsorientierung in der Gesellschaft legen die Maßstäbe für unsere Wahrnehmung fest. Es geht um die großen, die spektakulären Dinge, die unsere Aufmerksamkeit verdienen sollen. Im Wettlauf um wichtige Positionen in Unternehmen und die größten medialen Sensationen treffen wir naturgemäß weniger Lebensfreude an. Verbissenheit und Ehrgeiz dominieren die Gefühlswelt der erwachsenen Leute.

Dem kindlichen Wahrnehmungsfokus ist die Welt der kleinen Dinge vorbehalten. Sie brauchen keine Skandale, Kriegsberichte und Machtdemonstrationen, um ihrer Umwelt Aufmerksamkeit zu schenken. Das bleibt so, bis sie sich auf dem Weg zum Erwachsenwerden den großen, vermeintlich wichtigen Dingen widmen müssen. Zu den wenigen Persönlichkeiten, die sich dieser Mutation entziehen, schauen wir später leicht spöttelnd auf.

Wir nennen sie Lebenskünstler, Humoristen oder schlichtweg naive Optimisten.

Es ist also die gewichtigere Frage, wie wir Lebensfreude (wieder) erlernen, oder es vermeiden, sie zu verlernen.

Wären unsere Kinder in der Lage, uns ohne elterliche Einflussnahme zu analysieren, würden sie uns angesichts unserer Entwicklung zu Recht ein Armutszeugnis ausstellen. Sie würden nicht verstehen, weshalb wir an zahllosen kleinen, am Wegesrand liegenden Wundern vorbeirennen und ihnen keine Beachtung schenken.

Sie fassen dieses Unverständnis auch in Worte: »Wieso haben sie Spielzeug, wenn sie nie damit spielen?«

Eine Frage, die ich von unseren beiden Kindern an Orten mit hoher Erwachsenenpräsenz mehrfach hörte, ist: »Papa, warum schaut der Mann denn so böse, hat er Sorgen?«

Was antworten Sie auf diese Frage? Und ich bin sicher, sie ist Ihnen nicht vollkommen fremd.

Für die mögliche Antwort »Erwachsene schauen eben so. So guckst du später auch!«, hätte ich mir jedenfalls die Zunge abgebissen.

Alles sollten unsere Kinder annehmen können, nur nicht, dass diese Gesichtsausdrücke zu erwachsenen Menschen gehören, die eine Familie, ein Dach über dem Kopf und genügend zu Essen haben.

Manchmal ist uns großen Menschen unsere permanente Vorbildrolle nicht bewusst. Wir hängen Schilder an Fußgängerampeln mit der Aufforderung »Nur bei Grün gehen – den Kindern ein Vorbild sein«. Schilder mit der Aufschrift »Lächeln – Kinder beobachten Sie« hätten für die Entwicklung lebensfroher Individuen einen gleichwertigen Nutzen. Jede Gelegenheit, bei der Kinder uns bewusst dankbar erleben, auch über die kleinen Dinge, ist ein Beitrag gegen das Verlernen von Lebensfreude.

Umgekehrt sind unsere Kinder große Lehrmeister im Fach Lebensfreude für uns große Menschen, wenn wir sie bei der neugierig-fröhlichen Auseinandersetzung mit scheinbaren Nichtigkeiten beobachten.

Was die Wahrnehmung und Definition von Glück und Ansteckung mit Lebensfreude anbetrifft, können wir mehr von Kindern lernen als sie von uns. Ich glaube, dass sich unbewusst auch deshalb ältere Menschen gerne mit ihnen umgeben.

Es gibt viele Möglichkeiten, die Lebensfreude zurückzugewinnen oder zu verhindern, dass sie auf dem Weg, ein ernster, würdevoller Erwachsener zu werden, verloren geht.

Lächeln Sie

Machen Sie es sich zur Gewohnheit, Ihren augenblicklichen Gesichtsausdruck zu überprüfen. Wie sieht er zum Beispiel gerade jetzt aus? Lächeln Sie einfach, während Sie weiterlesen! Zu dem jetzt ausgesendeten Reiz an das Gehirn, froh zu sein, erleben Sie ein Gefühl leichter Entspannung. Um ein ernstes oder böses Gesicht zu machen, werden etwa vierundfünfzig Muskeln im Gesicht aktiviert. Für ein Lächeln sind es etwa dreiundvierzig.  Verwechseln Sie aber bitte ein herzliches Lächeln nicht mit einem gemeinen Grinsen. Das Lächeln ist leicht daran zu erkennen, dass die Augen mitlächeln. Lachfältchen werden sichtbar und verraten, ob es ein ehrliches Lächeln ist. Der Nutzen des bewussten Lächelns liegt also auf der Hand. Es erwärmt über das Gesicht unser Herz. Damit sind wir der natürlichen, kindlichen Lebensfreude ein Stück näher.

Werden Sie Optimist

Ich habe irgendwann entschieden, Optimist zu werden. Der Anfang war schwer. Dass es dennoch gelang, ist sicher meiner hartnäckigen Verweigerungshaltung gegen das Erwachsenwerden geschuldet. Hat der Optimismus erst einmal im Kopf Fuß gefasst, scannt er alle alten Denkmuster und Glaubenssätze und repariert sie. Schädliche werden entfernt.
Als bekennender krankhafter Optimist werde ich also spätestens am Abend eines Tages von folgenden Fragen überrannt:

  •   Was war wirklich wichtig?
  •   Worüber hast du dich heute von Herzen gefreut?
  •   Was hast du lernen dürfen?
  •   Was ist an einem negativen Erlebnis oder Umstand die positive Seite?

Diese vier Fragen zwingen, zumindest im Rückblick, andere Objektive zu benutzen und den Fokus auch auf kleine, scheinbar unbedeutende Dinge zu richten.
Nicht selten fällt mir dabei auf, dass ich eine für meine Kinder sehr wichtige Botschaft nicht mit der Aufmerksamkeit beschenkt habe, die sie verdient hätte. Ein nicht ausgesprochenes, aber verdientes Lob an Mitarbeiter und Geschäftspartner fällt dabei genauso auf wie eine versäumte, liebe Geste für meine Frau.

Werden Sie kein Erwachsener ...

Nach meinem Beschluss, kein ernster Erwachsener zu werden, habe ich zwei Jahre lang meine Antworten auf diese Fragen täglich abends in einem Notizbuch festgehalten. Nach zwei Wochen war diese Art der Dokumentation ein festes Ritual und es fehlte mir, wenn ich mal einen Tag auslassen musste. Nehme ich dieses Buch heute zur Hand, freue ich mich über die ersten Einträge und die Entwicklung der immer präziseren Schilderungen der vorher übersehenen Wunder des abgeklärten Alltags.

Heute ist mein Fokus instinktiv und automatisch auf die positiven kleinen und großen Dinge gerichtet. Vielen Menschen in meinem Umfeld ist dieser Blickwinkel suspekt. Auch darüber bin ich froh, weil sie mich manchmal vor zu euphorischen Handlungen und Entscheidungen bewahren. Halb so viele von ihnen würden allerdings auch den Zweck erfüllen.

Unsere Schulen und Universitäten lehren uns nicht, wie wir die Fähigkeit, uns auch an den kleinen Dingen zu erfreuen, erhalten. Es sind Orte, die uns Lebensfreude eher aberziehen. Sicher mit dem gut gemeinten Zweck, ernste, analytische und erfolgreiche Erwachsene aus uns zu machen.

Es bleibt denen, die sich dem entziehen wollen, nur die Möglichkeit, ein eigenes Lernprojekt »Lebensfreude« zu konzipieren.

 

 

 


 

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