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Wie wir Wirklichkeiten schaffen

Dr. Peter Troy

29.05.2008 ·  Es gibt dutzende Bücher über Management, hunderte Fachartikel über Führungskräfte und tausende Meinungen über die konkreten Aufgaben von UnternehmensleiterInnen. Ich habe nicht die Absicht, diese Liste zu erweitern. Weder mit Geboten, was diese EntscheidungsträgerInnen eigentlich zu tun haben noch mit meinen Ansichten, wie sie es zu tun haben

Dr. Peter Troy

Mir liegt ein Aspekt aus dem breiten Fächer der Anforderungen besonders am Herzen. Und der kommt in der Tat in allen mir bekannten Betrachtungen zu kurz. Es ist die Tatsache, dass eine Führungskraft durch das Verhalten, das Tun, das Denken und die Sichtweisen sowohl innerbetrieblich als auch im Umfeld einer Organisation neue Wirklichkeiten schafft.

Eine "neue Wirklichkeit" meint in diesem Zusammenhang folgendes: die Art und Weise, wie sich die gesamte inner- und außerbetriebliche Umwelt aus der individuellen Sicht einer Führungskraft darstellt, wie sie agiert (aktiv) und wie sie reagiert (passiv).

Beispiele, an denen sich solche individuellen Konstruktionen von Wirklichkeiten leicht nachweisen lassen sind etwa:

  • Soll ein Unternehmen fusioniert, soll ein Konkurrent übernommen und sollen die Angebote "globalisiert" werden?
  • Oder liegt das Heil in der Zerschlagung einer Unternehmensgruppe in kleine Einheiten und Profit-Centers?
  • Sind Lieferanten des Unternehmens wirklich gleichberechtigte Partner?
  • Oder müssen diese Zulieferer mit Verträgen zu guten Konditionen gezwungen werden, um den eigenen Fortbestand abzusichern?
  • Sind Mitarbeiter eher träge und schauen zuerst immer auf den eigenen Vorteil?
  • Oder entfalten sie sich unter förderlichen Umständen zu wertvollen Leistungsträgern?
  • Gibt es eine ethische Verantwortung des Unternehmens gegenüber der Gesellschaft?
  • Oder ist die kapitalmäßige Optimierung (Umsatz, Ertrag, DB, EGT, ...) die primäre und dominierende Zielgröße für die Entscheidungen und "danach" kann man sich Ethik erst leisten?

Der Pendelschlag

Sie werden mir zustimmen, dass schon diese wenigen Fragen von jeder Führungskraft unterschiedlich beantwortet werden. Der Kernpunkt ist dabei folgender: die gesamte Organisation wird sich auf diese individuelle Sicht der Führungskraft auch im tatsächlichen Verhalten ausrichten!

Sie können täglich in der Wirtschaftspresse nachlesen, wie sich Organisationen, Unternehmen und Konzerne verhalten, wenn deren Spitzenkräfte eine bestimmte Sichtweise durchsetzen.

Da wird auf Teufel komm raus aufgekauft und fusioniert. Das nennt sich erst mal "Diversifikation". Schon wenige Jahre später wird der neue "Riese" zerschlagen, das geschaffene Monster wird filetiert und die kleinen Einheiten werden verkauft. Im Fachjargon wird das mit der "Konzentration auf die Kernkompetenz" (nachträglich) begründet.

Von Epiktet bis Paul Watzlawick

Eine einzige, wahre Umwelt an sich existiert nicht. Diese Erkenntnis darf heute als Allgemeinwissen - zumindest bei den LeserInnen - vorausgesetzt werden. Es gibt aber millionenfach verschiedene Ansichten über diese Welt. Dieses Wissen ist seit der Antike hinreichend abgesichert. Schon Epiktet (50-138) sagte: "Nicht die Dinge an sich beunruhigen den Menschen, sondern seine Sicht der Dinge."

Für unsere Zeit wissenschaftlich aufgearbeitet und nachgewiesen hat das Phänomen der Unterschiede zwischen Wahrheiten und Gewissheiten Prof. Paul Watzlawick mit seiner Forschergruppe in Palo Alto. Es ist die heute anerkannte und gültige Sichtweise sowohl in den verschiedenen Formen der Psychotherapie und der Beratung ebenso wie in der Kommunikationsforschung.

Radikaler Konstruktivismus

Der sogenannte Konstruktivismus gilt heute als die am besten abgesicherte Theorie, sie konnte als einzige bislang nicht widerlegt worden. Jede Führungskraft sollte diese elementaren Erkenntnisse der Kommunikation kennen, sie ist heute Teil der Allgemeinbildung.

Neue Besen kehren ... anders!

Oft genug erleben wir funktionierende Unternehmen. Die Produkte oder Dienstleistungen sind ausgreift, die Kunden sind zufrieden.

Ein Wechsel in der Geschäftsleitung bewirkt nun - scheinbar plötzlich - eine veritable Krise. Stamm-Märkte brechen weg, Kunden wenden sich ab, die Entwicklung neuer Angebote verschlingt in rasendem Tempo das verfügbare Kapital und die Renditen stimmen nicht mehr. Alles nur eine Veränderung des wirtschaftlichen Umfelds?

Das könnte sein. Ebenso wahrscheinlicher ist es aber, dass die Sichtweise des oder der neuen Verantwortlichen zu diesen Veränderungen geführt hat. Weil eine unter Umständen (beinahe) gleichbleibende Umwelt völlig anders und "neu" interpretiert wird, weil der Umgang mit gleichgebliebenen Faktoren ein anderer geworden ist. Weil MitarbeiterInnen angehalten sind, sich die Sichtweise der neuen Führungsriege anzueignen und sich nach deren Sichtweisen auszurichten.

Natürlich gibt es auf diese Tatsache auch eine positive Sicht. Ein marodes Unternehmen kann davon profitieren, dass ein neues Management die Welt um sich herum anders wahrnimmt und anders (be)handelt. Wo früher Verluste geschrieben wurden, wo MitarbeiterInnen unzufrieden waren und Produkte höchstens Mittelmaß erreichen konnten, greift plötzlich ein frischer Schwung um sich, die Kunden fühlen sich wieder wohl und auch das Zahlenwerk beginnt wieder stimmig zu werden.

Das Beispiel des Zylinders

Betrachten Sie einen Zylinder schräg-seitlich, erscheint das "richtige" gewohnte Bild.
Betrachten Sie ihn zentral von oben, können Sie nur einen Kreis erkennen.
Schauen Sie zentral von vorne, erscheint derselbe Zylinder als rechteckige Fläche.


Schräg: Zylinder / Von oben: Kreis / Von vorne: flächiges Rechteck

 

Der Standpunkt und der Blickwinkel bestimmen also letztendlich, was Sie sehen. Ebenso bestimmt die Sicht von Führungskräften, was in einem Unternehmen getan wird und auch, wie es getan wird.

Die Quintessenz neuer Führungen lautet folgerichtig: "Neue Besen kehren vor allem anders!"

Wenn sich die Sonne um die Erde dreht

Alle Auswirkungen veränderter Standpunkte sind ergebnisoffen. Oben oder unten. Gut oder böse. Links oder rechts, hell oder dunkel. Alles ist richtig und falsch zugleich - es hängt nur vom Standpunkt ab.

Der Kern der Sache bleibt aber immer, dass sich de facto nicht die Umwelten ändern, sondern dass wir unsere individuelle Sicht auf die Umwelten ändern.

Wer glaubt, dies sei eine theoretische Spitzfindigkeit ohne praktischen Nutzen und ohne Relevanz, der irrt gewaltig.

Er irrt ebenso, wie wenn er unser Sonnensystem anzweifeln würde. Der Rhythmus von Tag und Nacht ist bekannt, die Gründe dafür sind es auch. Die Tageszeiten sind also einfach erklärbar, weil sich Sonne, Mond und Erde bewegen.

Würden Sie beim Lauf der Gestirne die Meinung vertreten, es handle sich nur um eine theoretische Betrachtung ohne praktischen Nutzen?

Es ist also wesentlich, die eigene Sichtweise regelmäßig und kritisch zu hinterfragen! Denn es dreht sich eben nicht die Sonne um die Erde, sondern wir drehen uns um die Sonne!

Es gibt allerdings genügend Manager die glauben, sich die Mühen des Hinterfragens der eignen Weltbilder ersparen zu können. Sie sparen bei allen externen Kontakten (Coach, Berater, ...), sie halten kritisch denkende Mitarbeiter intern nieder und sie setzen mit Vehemenz stets die eigene Sichtweise durch.

Diese Manager dürfen sich aber nicht wundern, wenn sie als Folge dem Paradoxon erliegen, das Paul Watzlawick so wunderbar formuliert hat:

Was Menschen tun, um ein Problem zu lösen,
ist oft genau das, was das Problem hervorruft.

 

 

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