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Wir wollen doch nur das Beste ...

Michael Lorenz

04.04.2019 ·  … nämlich eine geradlinige Karriere für unser Kind. Am Reißbrett geplant, perfekt choreografiert, sollen die Kinder ins Leben starten. Steine werden aus dem Weg geräumt, bevor sie auftauchen. Von der perfekten Kita über das noch perfektere Gymnasium, von der Kurswahl bis zur Studienplatzwahl wird nichts dem Zufall – äh dem Kind – überlassen. Nur ist das wirklich das Beste?

Michael Lorenz

Michael Lorenz ist Berater, Managementtrainer und Speaker. Er leitet die grow.up. Managementberatung. Vorher war er Geschäftsführer bei Kienbaum und leitete das Geschäftsfeld Human Ressources. In seinen lebendigen Büchern und Beiträgen zu Management-, Führungs- und Organisationsthemen vermittelt er anschaulich und unterhaltsam seine Erfahrungen und Einsichten aus Projekten, Trainings und Coachings.  » http://www.grow-up.de

Denn die Kinder „sollen es mal besser haben“. In einem Deutschland, in dem 50 Prozent aller Schüler die Schule mit dem Zeugnis der allgemeinen Hochschulreife verlassen, schreibt die Sonderpublikation „Zeit Abitur“ im Herbst 2018:  „…im Jahre 1992 waren es noch 31 Prozent. Die Reifeprüfung allein ist schon lange keine Auszeichnung mehr, sondern fast eine Selbstverständlichkeit.“*

Und die Noten werden nebenbei sogar immer phantastischer. Die Zeit-Publikation schreibt: „In Thüringen schreiben fast 40 Prozent ein Einser-Abi, in Berlin hat sich die Zahl der Abiturienten mit 1,0 in den vergangenen zehn Jahren versechsfacht, in Bayern schafften dieses Jahr 14 Prozent ein Abitur von 1,5 oder besser.“

Mal abgesehen, dass der föderale Schwachsinn zu völligen Ungerechtigkeiten führt (in Berlin leben nun mal wirklich keine schlaueren Schüler als in Thüringen oder Bayern) haben die Lehrerinnen und Lehrer, die Schulen, die Schulrätinnen und -räte und die Kultusminister das ganze System völlig kaputt gemacht.

Ich kann mich daran erinnern, dass in meinem Studium 1985-1990 schon wissenschaftlich gut fundierte Untersuchungen vorlagen, dass Schulnoten keinerlei Vorhersage auf spätere berufliche Bewährung ermöglichen.

Daher können Sie heute als Personalverantwortlicher, als Führungskraft und HR´ler den realitätsfernen Mist von heute aus den Tante Gute-Liese Betriebssystem inzwischen lieber gleich in die Tonne werfen.

Was sich in den Noten widergespiegelt, ist häufig nur die Bereitschaft der Eltern, ihre Kinder intensiv durchs Abitur zu begleiten (sehr nett formuliert) oder eben die finanzielle Leistungsfähigkeit, diesen Aufwand an spezialisierte Institutionen auszusourcen. Die sorgen dann gegen Bezahlung für halbwegs brauchbare Noten.

Einen Einblick in Interesse, Allgemeinbildung, soziale Kompetenzen, Lernvermögen, Problemlöseverhalten oder Intelligenz bekommen sie über die derart geschönte Notenwelt nicht mehr. 

Der Bildungsforscher Manfred Prenzel, jahrelang verantwortlich für die Durchführung der Pisa-Tests in Deutschland, rät den Eltern: „Bloß weil jemand mit einem mittelmäßigen Abitur daherkommt ist seine Biografie nicht bedroht“.

Eltern sollten „den Kindern etwas zutrauen und ein Stück gelassener sein“.

Tja, solche Ansichten gegen den Trend verhallen weitgehend ungehört. Es wird Nachhilfe gebucht, damit die Noten noch etwas besser werden und spezialisierte Coaches wie z. B. von studyhelp unterstützen bundesweit Schüler bei der Vorbereitung auf das Mathe-Abitur.

Gradliniger Werdegang - ich kann nur den Kopf schütteln über diese Gedanken. Vielleicht, weil bei fast allen Menschen im fortgeschrittenen Alter nicht so viel geradlinig gelaufen ist. Das wird bei einem einzigen Besuch auf einem Jahrgangstufentreffen (35 Jahre Abitur) klar.

  1.  Der Mann in der zweiten Ehe gestorben mit 57, zwei Kinder in Ausbildung und Studium.

  2. Nach einer kleinen OP am Knie eine Infektion. Und dann mit 55 kaum noch bewegungsfähig.

  3. Das perfekte Aussehen hätte zu Schulzeiten eine Model-Karriere möglich gemacht. Leider immer sehr darauf verlassen. Noch in der Schulzeit schwanger geworden. Ein paar Jahre später die Scheidung. Heute ein Aushilfsjob in der Gastronomie.

  4. Mit 53 wegen des falschen Parteibuchs aus einem entspannten Personalleiter-Job in der öffentlichen Verwaltung in den (bezahlten) Vorruhestand versetzt. Macht jetzt soziale Projekte und jeden Tag zwei Stunden Sport.

  5. Kurz nach der Schule mit 20 nicht richtig hingeguckt und ein psychisch labiles Modell als Mann gewählt. Nach 3 Kindern die Trennung. Dann 30 Jahre alle drei Kinder alleine und gegen alle Widerstände großgezogen, parallel ein anspruchsvolles Studium zu Ende gebracht und sich erfolgreich im Beruf etabliert.

  6. Einen karriereorientierten Oberarzt geheiratet. 2 Kinder bekommen. Der Nachwuchs-Chefarzt erwies sich als Vater und Mann als Katastrophe. Trennung, Scheidung, 2 Kinder groß gezogen, mit den Kleinkindern nochmal studiert.

  7. Der jüngste Sohn hat Depressionen und ist immer mal wieder in stationärer Behandlung. Darüber zerbricht dessen Beziehung. Er zieht dauerhaft wieder zu Hause ein.

  8. Nach der Abwicklung des elterlichen Betriebes sitzt der älteste Sohn seit über 30 Jahren in den familiären Restgebäuden und wird immer schrulliger.

  9. Früh aus der Beziehung mit einem südländischen Akademiker schwanger geworden, der erst keinen Pfennig und später auch keinen Cent gezahlt hat. Irgendwie emotional aber doch an ihm hängengeblieben. Und es kam leider niemand, der wirklich seinen Platz eingenommen hat.


Allein diese winzige, ganz sicher nicht repräsentative Auswahl verdeutlicht, dass die Ausbildung für das Leben fit machen sollte, also für den Umgang mit den vielen Widrigkeiten und Unvorhergesehenem. Zu weich gestellte Bildungssysteme von Kita bis Universität verhindern inzwischen möglicherweise genau das.


Geradlinigkeit – Nein, die habe ich selten gefunden.



*Dietrich, Angelika und Schmiedekampf, Katrin (2018): Es soll perfekt sein, Zeit Abitur Magazin Nr. 44 oder online unter: https://www.zeit.de/2018/44/abitur-berufswahl-optimierung-zukunft-karriere-notendurchschnitt

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